Die Frau im Baum

Fritz Habekuss: Die Frau im Baum. Aus: Die Zeit Nr. 1;  28.Dezember 2017

Die Frau im Baum

Vor zwanzig Jahren kletterte Julia Hill auf einen Mammutbaum und blieb zwei Jahre. Sie hatte 738 Tage ohne festen Boden unter den Füßen: Die Aktivistin Julia Hill 1998 auf einem 1000 Jahre alten Redwood im Norden Kaliforniens.

 

Wer von San Francisco auf dem Highway 1 nach Norden fährt, wird schon kurz nach dem Stadtausgang von diesen Giganten begrüßt. Redwoods, also Mammutbäume, manche über einhundert Meter hoch, säumen die Straßen. Immer wieder passiert das Auto Hinweisschilder zu einzelnen dieser Riesen. In einen Stamm wurde ein Zimmer gebaut, durch einen anderen kann man mit einem Auto hindurch fahren- Bäume erzählen hier Geschichten, und es sind meistens solche, die der amerikanischen Freude an Superlativen gut entsprechen.

   Man passiert das viktorianische Mendocino; lässt den bierbäuchigen Ort Fort Bragg hinter sich. Ab und an sammelt sich in den Kurven der Straße rotes Gewühl, lange Fasern, die von der Rinde der Redwoods stammen. Die meisten der Siedlungen, auf die man unterwegs stößt, wurden einst von Holzfällern gegründet. Und die Holzindustrie ist noch immer ein wichtiger Arbeitgeber im kalifornischen Norden.

   Mit den gewaltigen Stämmen der Küstenmammutbäume (Sequola sempervirens) beladene  Laster donnern vorbei. Hin und wieder passiert man ein großes Sägewerk. Und doch ist jeder dieser Riesen, die man hier bestaunt, ein Relikt. 97% der einstigen Redwood-Wälder sind heute abgeholzt. Übrig geblieben sind nur kleine Reste des einstigen Urwalds, der früher große Teile der nebligen kalifornischen Küste bedeckte. Um die Sache der Bäume stünde es noch übler, wäre nicht vor 20 Jahren eine junge Frau auf einen besonders großen Mammutbaum geklettert - und erst nach zwei Jahren wieder hinuntergekommen.

   Hinter Fort Bragg geht es auf den Highway 101. Den nennen sie auch Redwood Highway. Irgendwo Höhe Kilometer 390 , kurz vor der von Studenten bevölkerten Stadt Eureka, passiert man eine Hügelkuppe. Auf deren Spitze ist ein einzelner Baum mit zerzauster Krone zu erkennen. Das ist das Ziel dieser Reise: Der besetzte Baum.

   Die Baumbesetzerin Julia Hill war damals  erst 23 Jahre alt. Sie hatte sich gerade von einem schweren Verkehrsunfall erholt und ihren Job als Restaurantmanagerin aufgegeben. Ende der neunziger Jahre war das, als die Tochter eines Wanderpredigers auf der Suche für einen Sinn für ihr Leben in die Wälder Kaliforniens kam. Sie fand ihn im Kampf gegen die Sägen der Holzindustrie.

   Der größte Arbeitgeber der Region, die Pacific Lumber Company, kurz Palco, ist hier schon seit dem 19.Jahrhundert aktiv. Lange Zeit betrieb die Firma ihr Geschäft  nachhaltig, sie ließ die größten Bäume stehen und schlug die anderen langsam ein, sodass die Wälder Zeit hatten, sich zu erholen.

   1985 jedoch kaufte der texanische Unternehmer Charles Hurwitz die Firma Palco. Hurwitz interessierte sich nur für seinen Profit und verdreifachte die Einschlagrate. Kahlschläge, unter den ansässigen Forstleuten eigentlich verpönt, wurde normal.

   Doch ohne Bäume keine Wurzeln, und ohne Wurzeln gab es nichts, was an den Hängen der hügeligen Landschaften den Boden festhielt. 1996 rutschte nach einem solch großflächigen Kahlschlag in der Nähe eines Kaffs namens Stefford, 50 Kilometer landeinwärts von Eureka gelegen, eine Lawine aus Geröll und Schlamm einen Hang hinunter. Sie begrub acht Wohnhäuser; nur durch Glück kam damals kein Anwohner ums Leben.  Dies war die Initialzündung für einen jahrelangen und folgenreichen Protest, mit dem die Umweltschutzorganisation Earth First auf die Lage der kalifornischen Mammutbäume aufmerksam machte.

   Im Zentrum ihrer Aktionen stand ein mehr als tausend Jahre alter Redwood, den Aktivisten entdeckten, als sie sich in einer Vollmondnacht in den Wald schlichen, der Palco gehörte. Der Baum, so hoch wie der Schiefe Turm von Pisa, so aufrecht wie die Säulen des Peterdoms, trug eine blaue Markierung am Stamm, das Zeichen, dass er gefällt werden sollte. Die Leute von Earth First gaben dem Riesen in Erinnerung an die Mondnacht den schönen Namen Luna. Sie beschlossen, ihn zu retten. Und bauten eine Plattform knapp unterhalb der Krone. Jeweils für ein paar Tage kletterten Baumbesetzer nach oben.

   Hier kam Julia Hill ins Spiel. Die junge Frau hievte sich im Dezember 1997 etwas unbeholfen und ziemlich naiv an einem dünnen Nylonseil nach oben- und blieb dann einfach. Sie harrte 738 Tage auf dem Baum aus. Nie zuvor und niemals danach tat das ein Mensch so lange.

   Schon gar nicht unter solchen Bedingungen: Hill musste einen der kältesten Winter Kaliforniens überstehen, Hagel, Schnee, Stürme, die über 140 Kilometer pro Stunde erreichten. Geschützt war sie anfangs nur durch  Plastikplanen auf ihrer Plattform von kaum zwei Quadratmetern. Erschwerend kamen die Schikanen von Palco hinzu: Die Holzfällerfirma versuchte die Aktivistin auszuhungern, ihre Versorgung abzuschneiden, sie wollte sie mit einem Hubschrauber aus der Krone pusten, hinderte sie nächtelang  am Schlafen und fällte benachbarte Bäume, die beim Sturz große Aste aus Luna rissen.

   Um den Ort dieses großen Abenteuers sehen zu können, um also Luna zu besuchen, braucht man eine Genehmigung. Am besten, man lässt sich dabei von Stuart Moskowitz helfen. Der Hochschullehrer von der Humboldt State University ist einer der Bewahrer von Julia Hills Erbe. Er wartet an einem Parkplatz nahe dem Dorf, das einst teilweise unter Schlamm begraben wurde: Stafford.

   Der Mathematiker, der sich bei der Umweltschutzorganisation Sanctuary Forest  engagiert, ist ein freundlicher älterer Mann. Sein dichter Bart, seine Lust am Lachen und seine runde Brille weisen ihn unübersehbar als Bewohner dieses Hippie-Heartlands aus. Sein Auto rumpelt einen Holzfällerweg hinauf. Dann stellt Moskowitz den Wagen an einer Lichtung ab. Es geht zu Fuß weiter. Nach einer Weile wird der Weg steil. Moskowitz hat eine Heckenschere mitgebracht, um den Pfad frei zu schneiden. Das war vor 20 Jahren nicht nötig. Zurzeit der Besetzung war das hier ein beliebter Weg. Heute kommt nur noch selten jemand. Ohne genaue Wegbeschreibung findet man ohnehin nicht dorthin.

   Nach einem kurzen, aber anstrengenden Anstieg steht man endlich der Legende gegenüber. Luna! Ihre Rinde hat tiefe Furchen und hängt faserig hinunter. Aus dem dicken Hauptstamm sprießen Äste, die man in einer anderen Umgebung als eigenständige, durchaus mächtige Bäume bezeichnen würde.

   Einen Redwood, wie Luna zu berühren ist bewegend: als streichle man ein altes Tier. Ein süßlicher Geruch geht von ihr aus. An der Talseite ist Luna verbrannt, Blitze oder Waldbrände haben sie gezeichnet. In die verkohlte Schicht hat jemand die Umrisse eines Baumes geritzt.

   Dort oben also, wo die Krone anfängt, hat Julia ausgehalten. In der langen Zeit der Baumbesetzung war Luna geschützt- Julia dagegen veränderte und entwickelte sich. Von einer naiven jungen Frau wurde sie zu einer Expertin für nachhaltige Forstwirtschaft. Denn in der Abgeschiedenheit ihres Biwaks war sie keinesfalls alleine. Luna, der besetzte Baum, wurde im Laufe der Zeit zum Medienereignis. Und Julia Hill zum Star.

   Ihr Kampf war eine Geschichte, die sich gut erzählen ließ: Eine hübsche junge Frau schützt einen alten Baum vor einem geldgierigen Konzern mit ihrem Körper, ihrem Leben. Das war der Stoff, der zunächst lokale Radiosender und Zeitungen anlockte. Nach und nach drang ihr Ruf über die Grenzen Nordkaliforniens heraus. Die großen Zeitungen Nordamerikas schrieben über Hill, Magazine aus Europa und Australien schickten Reporter los. Alle mussten den steilen Anstieg hinauf schnaufen und sich an dünne Seile hängen, um in schwindelerregender Höhe mit der Frau zu reden.

   Schließlich war sie jeden Tag über zwei Mobiltelefone für sechs oder sieben Stunden mit der Welt verbunden, um ihre Botschaft in die Welt zu tragen. Hill arbeitete mit einem PR Experten zusammen, der ihre Stimme an Schulen brachte, sie mit Senatoren verband und alle Interviewfragen sammelte.

   Derweil machten Künstler und Musiker den Kampf um Luna unsterblich: Die kalifornische Funkrock-Band Red Hot Chili Peppers erinnert in Can´t Stop an Hill. In der Zeichentrickserie The Simpsons ahmt Lisa die Aktivistin nach. Der Musiker Neil Young stellt in seinem Song Sun Green eine Verbindung zu Julia Hill her. Und in T.C.Boyles Roman Ein Freund der Erde klettert die Tochter der Hauptfigur auf einen Redwood, um ihn zu retten.

   In dem Buch Die Botschaft der Baumfrau  beschreibt Julia Hilll später den theoretischen Hintergrund ihrer Aktion. Eine Baumbesetzung sei ein Akt der gewaltlosen, zivilen Ungehorsams, der letzte Ausweg: " Wenn Sie jemanden in einem Baum setzen sehen, um ihn zu schützen, wissen Sie, dass jede andere Instanz unserer Gesellschaft versagt hat", schreibt sie. Versgt hätten die Konsumenten, Firmen, die Regierung, die Gerichte. "Also klettern Menschen in Bäume."

   Die Kehrseite des Medienrummels blieb ihr allerdings auch nicht erspart. Viele Reporter, die ihr aufmerksam zugehört hatten, schrieben am Ende nicht über ihren Kampf und ihre Sorgen, sondern nur den immer gleichen lüsternen, unwichtigen Müll: über ihre Toilettengewohnheiten in 55 Meter Höhe zum Beispiel (ein Eimer reicht). Anstelle von ökologischen Fragen interessierten ihr attraktives Äußeres und ihre frühere Arbeit als Model wesentlich mehr.

   Immerhin: Die Bilanz der spektakulären Aktion Baumbesetzung ist positiv. Palco ließ sich nach dem zwei Jahre dauernden PR-Desaster auf einen Deal ein: Man verkaufte den Baumriesen und ein Areal von 60 Meter Durchmesser um ihn herum an die Naturschützer. 50000 Dollar  mussten Hill und ihre Unterstützer zahlen.

   Was hier gerettet werden konnte ist ein Nichts gegenüber den Flächen, die außerhalb der geschützten Nationalparks liegen, häufig Holzfällerfirmen gehören und somit zum Einschlag freigegeben sind. Bis heute werden Mammutbäume gefällt. Das Holz der Redwoods ist vor allem als Bauholz sehr gefragt. Es ist gerade gewachsen, hart und brennt nur schwer. Mehr als 100 000 Dollar kann ein einzelner alter Stamm einbringen.

   Und dennoch steht Luna bis heute und ist ein Symbol dafür, welche Wirkung eine einzelne Person entfalten kann. Gegen das bequeme Bringt-doch-alles-nichts steht dieser Baum weiter im Wind, Ermunterung und Ansporn für Aktivisten weltweit. Wie jene, die gerade den Hambacher Forst verteidigen. Dort will der Energieversorger RWE einen der letzten ursprünglichen Wälder Deutschlands roden, um die darunterliegende Kohle zu fördern.

   Einen letzten Blick auf Luna. Eine auffällige Linie mit einem dicken Wulst zieht sich in etwa einem Meter um den halben Baum. Knapp ein Jahr nachdem Julia Hill von ihrer Plattform herunter gestiegen war, hatte ein Unbekannter den Baum mit einer Kettensäge doch noch zu fällen versucht.

   Es sprach zunächst wenig dafür, dass Luna die kommenden Winterstürme überstehen würde. Doch die Alte blieb stehen. Biologen und Ingenieure entwickelten und installierten innerhalb von 24 Stunden ein System aus massiven Klammern, um den Stamm zusammenzuhalten. Heute stabilisieren Stahlseile den Baum noch zusätzlich.

   Andere, eher dem Spirituellen zugewandte Unterstützer besorgten nach dem Angriff Heilton, dem sie den Speichel eines Bären untermischten, den sie mit Erdnussbutter besänftigt hatten. Mit der Mixtur verschlossen sie den Schnitt.

   So kam, was der Angreifer gewiss nicht beabsichtigt hatte, der große alte Baum samt seinen zahllosen Unterstützern wieder in die Schlagzeilen.

   An der Schnittstelle, die heute vernarbt ist  haben Besucher, wie auf einem Altar kleine, jetzt verwitterte Gegenstände abgelegt. Ein Ring ist darunter, ein Anstecker: Your silence does not protect you (Dein Schweigen beschützt dich nicht), und als Provokation ein Werbe T-Shirt von einer Holzfällerfirma, mit Telefonnummer auf dem Rücken.

   "Es gibt hier immer noch viele Menschen, denen nicht gefällt, wofür Luna steht", sagt Moskovitz. Der Mann ist stiller geworden auf den letzten Metern. Nun setzt er sich ganz nah am Stamm hin. Er legt die Handflächen an den Boden. " Einige würden sie gerne fällen."

   Noch ist es nicht so weit. Der Baum hat bis heute alle Angriffe überlebt, Brände, Stürme, Kettensägen. Im Frühling, wenn die Redwoods austreiben, kann man es sehen, wenn es nicht zu nebelig ist: Die zerzauste Krone von Luna wächst weiter in den Himmel. Langsam, wie seit 1000 Jahren.

   Und Julia Hill? Hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Interviews möchte sie keine mehr geben. Auf E-Mail antwortet sie noch. Sie schreibt: " Ich habe große, gesundheitliche Probleme, und nachdem ich 15 Jahre lang so viel Zeit und Energie gegeben habe, konzentriere ich mich auf meine persönliche Ökologie."

     

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Die Frau im Baum

1 Kommentar 3.1.18 18:14, kommentieren

Shinrin Yoku (Baden im Wald)

Shinrin Yoku (Baden im Wald)

Wälder, ein unerforschtes Terrain, mit ungenutztem Potential?

Um der Zerstörung der Wälder zu trotzen braucht es mehr Menschen, die sich für den Wald begeistern lassen. Ein Aspekt dabei könnte das Erforschen des heilenden  Potentials der Wälder sein. In Japan ist Waldmedizin eine anerkannte Disziplin.

         An der Nippon Medical School in Tokio gibt es eine Fachrichtung " Forest Medicine". Dort forscht Professor Qing Li. Er geht der medizinisch - wissenschaftlichen Frage nach der Reduzierung von Stresshormonen auf den Grund. Mittels mehreren Studien fand er heraus, dass die Stresshormone Cortisol und Adrenalin im Wald tatsächlich gesenkt werden.  

      Einen Tag im Wald verbracht  reduziere sie um 50 Prozent. Außerdem werde die körperliche Regeneration gestärkt.  Noch nach vier Wochen nach einem Waldtag blieben die Abwehrkräfte erhöht. Professors Qing  Li empfiehlt die Methode " Shinrin Yoku".                                                               Übersetzt hieße es soviel wie  "im Wald baden". Gemeint sei damit nichts anderes als monatlich zwei bis dreimal mindestens zwei Stunden im Wald zu verbringen und dabei etwa 2, 5 Kilometer schlendern. Den Wald mit allen Sinnen wahrnehmen ohne sich selbst unter Leistungsdruck zu stellen. Denn in unserer technisierten Welt machten die beruflichen und gesellschaftlichen Anforderungen den Weg frei für Herz- Kreislauf- Beschwerden und anderer Zivilisationskrankheiten- bis zu Krebs.

 

Literaturtips.:

Peter Wohlleben: " Gebrauchsanweisung für den Wald", Piper, 15 Euro.

Neil Ansell: " Tief im Land", Allegria, und Torbjorn Ekelund: " Im Wald", Malik, 18 Euro.

Quelle: Reformhaus Kurier, Sep. 2017, S. 42-44.

 

 

 

20.9.17 10:38, kommentieren