Brennende Gier

   von Christoph Gurk und Frederik Obermaier    Süddeutsche Zeitung 28.07.2020

Es sollte nur ein Schnappschuss sein. Im Juli 2019 war der Lastwagenfahrer Alessandro Ale unterwegs auf den staubigen Schotterpisten ganz im Westen des brasilianischen Bundesstaates Mato Grosso. Sojafelder und Viehweiden haben sich schon tief hineingefressen in den Amazonas-Regenwald und dort, wo früher Urwaldriesen wuchsen, grasen nun Rinder. Ihretwegen waren Alessandro Ale und seine Kollegen an diesem Tag auf die Fazenda Estrela do Aripuana gekommen. Rund 250 Tiere hatten sie auf der Farm auf ihre Laster geladen und nun, kurz vor der Abfahrt, machte Ale noch ein paar Fotos, die er dann auf Facebook zeigte. Auf den Bildern, darunter sah man Ale-und man sah Lastwagen mit dem Logo von JBS: einem der größten Fleischkonzerne der Welt, der eigentlich immer betont, von Farmen wie der Fazenda Estrela do Aripuana keine Rinder beziehen zu wollen. Denn die Tiere grasen hier, nach allem was man weiß, auf illegal gerodetem Land.

   Wieso also sieht man auf dem Facebook-Foto also Lastwagen mit dem Logo des Fleischkonzerns? Eine Recherche des britischen Bureau of Investigative Journalism, des Guardian und der Nichtregierungsorganisation Reporter Brasil, die der Süddeutschen Zeitung vorab vorlag, gibt nun Einblick in ein Geschäft, das ebenso lukrativ wie zerstörerisch ist: Der weltweite Handel mit Fleisch von Rindern, die großgezogen wurden auf illegal gerodetem Land. Auch mehr als ein Dutzend deutscher Unternehmen sind darin mutmaßlich verwickelt.

   Der Regenwald in der Mitte Südamerikas umfasst rund 6 Millionen Quadratkilometer und erstreckt sich insgesamt über neun Länder. Rund 60 Prozent des Waldes befindet sich aber in Brasilien. Große Teile des Waldes sind noch unberührt,  immer tiefer aber dringen Holzfäller, Goldsucher, Sojafarmer und Viehzüchter in den Amazonas vor. Die Abholzung und Brandrodung nimmt seit Jahren zu, unter Präsident Jair Bolsonaro aber hat sie ein ganz neues Niveau erreicht. Der rechtsextreme Politiker hatte schon im Wahlkampf versprochen, den Regenwald stärker für die öffentliche Nutzung öffnen zu wollen. Kurz nach seinem Antritt zogen dann dichte Rauchschwaden über die Baumwipfel. Die Feuer im Amazonas riefen international Besorgnis hervor, erst wiegelte die Brasilianische Regierung ab, aus Angst aus wirtschaftlichen Konsequenzen knickte sie aber ein. Soldaten wurden in die Region geschickt, sie sollten dabei helfen, die Feuer zu löschen und Umweltgesetze durchzusetzen. Kaum aber waren sie abgezogen, ging der Kahlschlag unvermindert weiter. Auch die Feuer loderten wieder. Laut der brasilianischen Umweltbehörde Ibama hat die Abholzung zwischen August 2019 und Juli dieses Jahres um 28 Prozentpunkte zugenommen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Tausende Hektar Wald sind verloren gegangen und weder der Einsatz von Soldaten noch Verbote konnten die Rodung stoppen. Zu groß ist die Gier nach den Reichtümern, die unter dem Urwaldboden liegen könnten; zu groß ist der Hunger,  nach Geld, Land-und nach Rindfleisch.

   Mehr als 200 Millionen Rinder grasen heute auf Weiden in Brasilien, so viele wie sonst nirgendwo auf der Welt. Die brasilianische Fleischindustrie erwirtschaftet ein Zehntel des Bruttoinlandprodukts, und die mit Abstand größte Firma in diesem Milliardenmarkt ist JBS. Einst eine kleine Familienmetzgerei liegt der Jahresumsatz der Aktiengesellschaft heute bei 50 Milliarden Dollar. Allein in Brasilien schlachtet JBS 35.000 Rinder - pro Tag. Das Fleisch wird nach Asien verkauft, nach Nord- und Südamerika, Afrika und auch nach Europa. Zwischen Mai 2019 und April 2020 wurden etwa 46.500 Tonnen hier her geliefert. Einkäufer waren dabei auch immer wieder deutsche Firmen, etwa Tönnies oder die Hamburger Firma Kruse-Fleisch. Dies zeigen Import Daten, die die SZ einsehen konnte.

   Die Unternehmen stören sich offenbar nicht daran, dass JBS schon 2017 wegenSchmiergeldskandals eine Milliardenstrafe zahlen musste. Und auch als 2019 im Amazonas gigantische Feuer wüteten und Umweltschützer immer wieder JBS für die Abholzung mitverantwortlich machten, hielt das deutsche Geschäftspartner offenkundig nicht auf. Sie kauften offenbar weiter gekühltes und gefrorenes Rind, mal gesalzen, mal zugeschnitten, Containerladung nach Containerladung-schließlich beteuerte JBS öffentlich, die Firma werde alles tun, was in ihrer Macht stehe, um Rinder aus der Lieferkette fernzuhalten, die auf illegal abgeholzten Regenwaldflächen gegrast hätten.

   Wie aber passt dies zusammen mit einem Foto, das LKWs mit dem JBS-Firmenlogo vor einer Farm zeigt, die nachweislich an illegalen Rodungen beteiligt war?

   Die Fazenda Estrela do Aripuana gehört einem der größten Rinderbarone Brasiliens. Von der brasilianischen Naturschutzbehörde wurde er bestraft, weil er in Aripuana knapp 1500 Hektar Urwald gerodet haben soll. Nach den Vorgaben von JBS wäre dies eigentlich ein Ausschlusskriterium. Die Rinder der Fazenda Estrela do Aripuana dürften nicht in der Lieferkette des Konzerns landen. Nun standen sie aber auf den Transportern von Alessandro Ale und seinen Kollegen, versehen mit dem offiziellen Logo von JBS.

Auch wer Fleisch aus Deutschland kauft, ist potentiell an der Wald-Vernichtung beteiligt

Man fahre die Tiere jetzt nach Estrela do Sangue schrieb Ale noch unter seinen Facebook- Eintrag. Die Farm liegt 300 Kilometer entfernt, sie gehört dem gleichen Besitzer, wie auch die Rinderzucht in Aripuana, allerdings wurden ihr keine Umweltstrafen auferlegt. Die Rinder, die eben noch auf gerodetem Regenwald-Land gegrast hatten, könnten nun unter Tiere gemischt worden sein,  die auf ganz legal als Weideland ausgewiesenen Wiesen gestanden hatten. "Cattle Laundering", auf Deutsch in etwas so viel wie "Vieh-Wäsche", wird dieses Vorgehen genannt. Nach Recherchen des Bureau of Investigative Jounalism, Reporter Brasil und des Guardian haben schon in den beiden Jahren zuvor Tausende Rinder den gleichen Weg genommen.

   JBS erklärte, das kein Vieh in der direkten Lieferkette von frisch gerodetem Regenwald stamme. Man sei nicht an Cattle Laundering beteiligt und dulde dies auch nicht. Allerding hatte erst vor wenigen Tagen Amnesty International über ähnliche Fälle von Rindern aus illegal gerodeten Flächen in der Lieferkette von JBS berichtet.

   Die meisten deutschen Abnehmer von JBS ließen eine SZ-Anfrage bei Redaktionsschluss unbeantwortet. Tönnies erklärte, dass sämtliche Lieferanten zusichern müssten, "keine Tiere von illegal gerodeten Waldflächen zu verarbeiten". Ein Verstoß habe eine "sofortige  Liefersperre" zur Folge. Auch das Unternehmen Kruse Fleisch erklärte, Geschäftsbeziehungen einzustellen, wenn Lieferanten Rinder auf illegalen Flächen weiden ließen.

   Damit wächst der Druck auf die brasilianischen Fleischfirmen immer mehr. Marfrik, einer der größten Konkurrenten von JBS, kündigte vergangene Woche an, bis 2025 die komplette Lieferkette in Amazonien bis zum Kalb hin rückverfolgbar zu machen, für den Rest des Landes bis 2030. "Letztlich geben sie damit ganz offen zu, ein Problem mit Fleisch aus Waldzerstörung zu haben und allein in Amazonien fünf Jahre zu brauchen, um dieses in den Griff zu bekommen", behauptet Gesche Jürgens von Greenpeace. Es sei ein Trugschluss zu glauben, die Abholzung und Brandrodung im Regenwald habe nichts mit dem Fleischkonsum auch in Deutschland zu tun. "Europa war 2019 der viertgrößte Abnehmer von Rind aus Brasilien", sagt Jürgens. Aber selbst, wer Fleisch aus Deutschland oder der EU kaufe, sei potentiell an der Vernichtung des Amazonas beteiligt. "Weit mehr als Fleisch importiert Deutschland Soja aus Brasilien", sagt Jürgens. Sojaschrot wird als Futtermittel eingesetzt, Schweine bekommen es, genauso wie Hühner und Rinder. Über den Umweg ihrer Mägen landet dann am Ende auch ein Stück Regenwald in denen von Restaurantbesuchern oder Supermarktkunden in Deutschland.  

   

29.7.20 13:48, kommentieren

                  Vandanas Sieg                                                       von Dr. Elisabeth Meyer-Renschhausen, Monsanto tritt ab: Ernährungssouveränität geht nur mit Saatgutfreiheit

Die indische Wissenschaftlerin Dr. Vandana Shiva ist vielleicht die bekannteste Ökoaktivistin des globalen Südens. Für ihr Engagement und ihre Publikationen über Frauenrechte und Umweltfragen bekam sie bereits 1993 den Livelihood Award, den sogenannten Alternativen Nobelpreis, verliehen. Elisabeth Meyer-Renschhausen  besuchte die Ökoaktivistin und schildert in ihrem Beitrag ihre Eindrücke von einer erlebnisreichen Studienreise.

Ende der 1990er-Jahre gründete Vandana Shiva auf dem G8-Gegengipfel in Köln mit Maria Mies und andere Ökofeministinnen "Diverse Women for Diversity". Der Gruppe ging es besonders um die Rechte der Kleinbäuerinnen des globalen Südens und deren Menschenrecht auf  Ernährungssouveränität. Um 2010 erreichte Vandana Shiva nach elfjährigem Kampf, dass das Patent einer nordamerikanischen Firma auf Basmati-Reis wieder aufgehoben wurde. Der Basmati-Reis stammt nämlich aus Dehra Dun, in Uttar Pradesh nördlich von (Neu-) Delhi am Fuße des Himalaya im Ganges-Tal, der Gegend, aus der Vandana Shiva stammt. Zentrales Anliegen  wurde ihr so das Recht auf das eigene Saatgut, welches die großen Chemie-und Saatgutfirmen den Bauern zunehmend streitig zu machen versuchen. Deshalb gründete Vandana Shiva wie auch andere Saatgutaktivistinnen in Nachbarländern Saatgutgruppen. Mit ihrer Organisation Navdanya bewahrt sie seit Anfang der 1990er-Jahre in einfachen Lehmhäusern die jeweils lokale Saat nach Tradition und Nutzen in Ton-oder Bleichgefäßen- mittlerweile an 40 verschiedenen Orten in Indien auf. Der erste Saatgutspeicher entstand auf ihrer Forschungsfarm Navdanya bei Dehra Dun, 35 Kilometer nördlich von der Yogastadt Rishikesh. Navdanya heißt übersetzt "neun Samen", was in Indien für Erfolg und langes Leben steht. Auch Vandanas Forschungsorganisation Research Foundation for Science, Technology and Ecology hat ihren Sitz auf Navdanya.

Die Forschungsfarm Navdanya

Warum eine eigene Forschungsfarm? Die meisten Neuentwicklungen im Agrarbereich werden über Forschungsförderung finanziert. Leider gehen die Forschungsgelder der Regierung weltweit nahezu ausschließlich in die Förderung der Agrarindustrie, das heißt heute de facto an multinationale Unternehmen. Die nämlich beliefern die jeweiligen Regierungen mit den nötigen Argumenten, Rechts- und Hygienegutachten, mit denen sie versuchen, ihre Produktion von der Satt über den Dünger bis hin zu den Pestiziden als die einzig sinnvolle zu verkaufen. Diese Einseitigkeit geht leider vielfach auf Kosten von Qualität, Umwelt, Verbraucherinnen und Kleinbäuerinnen.

   Ihren Sinn für die Natur und die Landwirtschaft hat Vandana Shiva von ihren Eltern. Ihr Vater war Förster und ihre Mutter hatte eine Farm. "Meine Mutter hatte immer Kühe", erzählt Vandana. "Wenn wir Kinder mal zu blöd waren, sagte sie: "Jetzt rede ich erst mal mit den Kühen"- und verschwand stundenlang im Kuhstall." Als Vandana ihrer Mutter eines Tages erzählte, dass ihre beiden ersten Studien so erfolgreich waren, dass sie jetzt ein eigenes Forschungsinstitut gründen möchten, da sagte die Mutter: " Wenn ihr noch keinen Raum dafür habt, dann fangt doch einfach im Kuhstall an." Aber zu Vandanas Idee von Forschungszentrum gehört auch ein Hof, auf den man die dazugehörigen Feldversuche machen kann. Wie soll man sonst Bauern, denen von Beratern, etwas von Bayer CropScience, die Vorteile der sogenannten grünen Revolution eingeredet wurden, von den Vorzügen des ökologischen Landbaus überzeugen können?

   Vandana Shiva fand eine aufgegebene Farm in der Region von Dehra Dun. Das war ein schwerer Beginn, denn das Land war vorher jahrelang mit starken Gaben von Kunstdünger und Agrargiften ausgelaugt worden. Ihre Mitstreiter empfahlen ihr, nach einem anderen Ort zu suchen. Aber Vandana schlug vor, den schlechten Zustand des Bodens als Herausforderung zu nehmen. So würde sie zeigen können, dass man mit biologischen Ackerbau einen ausgemergelten Boden wieder instand setzten kann. Dehra Dun liegt auf uraltem Sedimentboden. Löß, einem der fruchtbarsten Ackerböden Indiens. Die Niederschläge sind hoch, 5000 Millimeter pro Jahr. Sie säten Leguminosen und alle Arten von Bodenverbesserern. Sie pflanzten Büsche und Bäume rings um jedes Teil- Ackerstück, so wie man es in Indien traditionell gegen die zerstörerische Gewalt des Monsunregens mit seinen Winden gemacht hatte.

Mischkulturen für die Biodiversität

Nach vier Jahren konnten sie mit dem Anlegen der Versuchsfelder beginnen. Sie bauten drei, fünf oder sieben verschiedene Feldfrüchte gleichzeitig an, denn diese Mischkulturen halten die Feuchtigkeit und die Fruchtbarkeit in der  Erde und die Linsen können etwa am Hafer hochranken. Auf einem Feld sehe ich beispielsweise Rettich, Gerste und Hafer , daneben Erbsen, Gerste und Senfgrün. In Küchennähe verstecken sich Kohlköpfe, Lauchstangen und Römersalate im lichten Grün der im Frühjahr meterhohen Senf- und Rettichpflanzen. Gegenüber den Mischkulturen liegen kleinere Äcker mit Reinkulturen. "Es geht uns um den Vergleich", erklärt uns lächelnd Pramod Kimothi, der Farmkoordinator. Er und sein Kollege Chandra Bhatt sind so begeistert von ihren Versuchsfeldern, dass sie uns am liebsten jeden Tag eine Führung geben wurden. Bei den Teepausen während der Arbeit erzählen sie uns freiwilligen Helfern aus aller Welt in Einzelgesprächen gern wieder und wieder, worum es bei der Saatgutforschung geht.

   Zuerst wird etwas Anfang März das Senf grün geerntet, von dem man in Nordindien sowohl die Blätter als auch die Schoten isst, und dann werden die Erbsen gepflückt und zum Schluss bleibt die Gerste allein übrig. In einer Woche ernteten wir von einem anderen Acker erst die Dicken Bohnen, dann die Senfgrünschoten und schließlich die Kartoffeln. Es war erstaunlich, was der kleine Grund alles hergab. Die bereits vertrockneten Dicken Bohnen zweigte Chandra Bhatt für die Samenbank ab. Das meiste aber ging in die Küche für die Selbstversorgung.

   Mittels dieser Versuchsfelder kann Navdanya den indischen Bauern zeigen, wie ertragreich Agrarökologie und Mischkulturen sind und dass Ökolandbau effektiver als Kunstdünger-Landwirtschaft ist. Eine Million Bauern haben sie bereits geschult, erzählt mir Vandana stolz, und zwar über ganz Indien verstreut, einem Land, wo bis heute um die 70% der Menschen von der Landwirtschaft leben. Die Geschulten gehören nun zum Navdanya -Netzwerk. Vor allem Frauen seien es, die hier mitmachten, betont Vandana, aber sie seien ja auch diejenigen, die sich traditionell am meisten um das Saatgut kümmerten.

Vandana Shiva bezahlt Farm und Schulungen mit ihren zahlreichen Preisgeldern und Honoraren. Den laufenden Betrieb von Navdanya finanziert sie und ihre Mitstreiter aus denjenigen Seminaren, die sie an ein internationales Publikum gerichtet anbieten, wie etwa ein dreitägiges Seminar zum Thema Ecofeminism im Anschluss an den Yoga-Kongress in Rishikesh im März. Navdanya besteht aus etwas 30 Mitarbeitern und Angestellten. Die freiwilligen Helfer aus aller Welt, Bijaks genannt, bestreiten ihren Unterhalt selbst. Sie arbeiten auf der Farm nur knapp vier Stunden pro Tag. An den Nachmittagen geben sie sich im Rahmen der Earthuniversity ihr Wissen gegenseitig weiter.

Saatgut bewahren

Um die Saatgutmonopole von Monsanto, Syngenta und Du Pont zu bekämpfen, reichten Vandana Shiva und ihre Mitarbeiter die erwähnten Saatgutbibliotheken ein- im Englischen sagt man heute gern "seed libraries". Wir finden sie mittlerweile bereits in 13 indischen Bundesstaaten: einfache Lehmhäuser, in denen die jeweils lokalen Sorten mäusesicher aufgehoben werden, um sie an die örtlichen Bauernfamilien in kleinen Mengen verschenken zu können.

   Die anderswo als überholt geltende "Grüne Revolution" wird in Indien seitens der Regierung noch heute angepriesen. Sie berät auch in Indien die weit verbreiteten 1 Hektar Landwirtschaften und rät zu "effektiverer" Anbauweise mit Konzentration auf nur eine Anbaufrucht(!)-Monokultur also. Dazu wird den Bauern empfohlen, in Hybridsaatgut zu investieren und es im "Paket" zusammen mit dem dazugehörigen Dünger sowie Pestiziden zu kaufen. Wenn jedoch nun das Wetter nicht mitmacht, etwa der Monsun allzu stürmisch wird, alles überschwemmt oder weggeweht oder in Folge des Klimawandels der Regen ausbleibt und die Ernte ausfällt, sind die Bauern verschuldet. Sie stehen häufig vor Schulden, die sie nie wieder abtragen können, müssen oft ihre Farm verkaufen und sind anschließend mittelos. Das ist die Ursache der in Indien nicht abreißenden Serie von Bauernselbstmorden. Vandana Shiva und ihre Mitarbeiter empfehlen den Bauern deshalb die Rückkehr zur alten Biodiversität- also einen vielfältigen Anbau ohne Investitionen in Saat und Gift mit Saatguttausch. Zu lokalen Sorten und kompostbasiertem Anbau in Mischkulturen.

   So sind das Erhalten indigener Gemüsesorten und die Saatgutbewahrung die Hauptaufgaben von Navdanya. In den Samenbanken werden Hunderte von Sorten Reissamen aufbewahrt, die Vandana und ihre Mitarbeiter gesammelt Hat. Weizen, Hafer und Gerste sind im Norden Indiens übliche Anbaufrüchte, deren lokale Sorten hier aufgehoben werden. Navdanya verfolgt- im Gegensatz zu konventionellen Saatgutbanken- das Prinzip des lebendigen Saatbewahrens, das heißt, die Samen kommen alle zwei Jahre zum Einsatz und werden ausgesät. Nur so kann die jeweilige Sorte sich an Klimaveränderungen anpassen und bleibt stabil. Neu ist im Saatgutspeicher von Dehra Dun eine große Sammlung von Hirsesamen. Auch in Indien geriet die Hirse in Vergessenheit, obwohl sie das am meisten an Trockenheit angepasste Getreide ist.

   Vandana Shiva bekämpft die sogenannte Grüne Revolution, weil sie auf lange Sicht die Böden und damit auch die bäuerliche Existenz zerstört. Die vom Land vertriebenen Bauern finden in den Städten allzu oft keine adäquate Arbeit, sondern hungern und leben unter traurigsten Umständen auf der Straße.

Navdanya eine Farm mit Erduniversität 

Überzugend ist das unter den 30 Beschäftigten herrschende ruhige bis fröhliche Arbeitsklima. Einige wohnen in Navdanya, andere leben mit ihren Familien in der Nähe. Die Koordinatoren bearbeiten jeweils ganze Landesteile Indiens, wobei sie die Idee des organischen Landbaus nach den Regeln Navdanyas verbreiten und entsprechend Saatsammelstellen aufbauen. Insgesamt gibt es etwas 600 Lokale Koordinationsstellen in ganz Indien. Schließlich muss das lokale Saatgut vor Ort mit den dort lebenden Bauern bewahrt und gesammelt werden. In New Dehli gibt es ein Slow Food Restaurant und vier weitere Restaurants sowie einen Navdanya Laden, indem die handwerklichen Erzeugnisse aus den Bauerndörfern verkauft werden.

   Im Rahmen der so genannten Erduniversität wird um die 20 Menschen aus aller Welt die Mitarbeit auf der Farm ermöglicht. Es handelt sich um recht junge Leute, die hier einen Werkferienaufenthalt verbringen. Sie arbeiten hier für zunehmend zwei, meistens aber vier bis zwölf Wochen etwa dreieinhalb Stunden täglich in der Küche, Garten oder auf dem Feld. Sie helfen beim Kochen, ernten Kamillenblüten, Rettichschoten oder Bohnen. Oder sie jäten Beikraut, das als Grünfutter für die Kühe genutzt wird. Einige von ihnen studieren Agrarwissenschaften oder Landschaftsplanung, Sprachen oder auch Sozialwissenschaften. Die Helfer lernen bei der Mitarbeit auf der Farm die verschiedenen Prinzipien kennen. Tatsächlich ist der Kräutergarten mit seinen kleinen Beeten, die ähnlich wie die Reisfelder-auf gelegentliche Flächenbewässerung ausgelegt sind, beeindruckend.

Alle arbeiten gern auf der Farm

Für Kurzbesucher sind die "Farm-Tours", auf denen die Koordinatoren alles erklären, besonders wichtig. Die Begeisterung, mit der alle hier arbeiten, teilt sich den Besucherinnen und Besuchern mit. Man merkt, dass hier alle von ihrer Arbeit überzeugt sind und sie gerne tun. Das Tolle sei, erklärt mir Pablo, dass es innerhalb der Belegschaft eigentlich keine Unterschiede oder Hierarchien gibt. Pablo ist ein Student aus Belgien, der seine Bachelorarbeit über die Farm schreibt. Natürlich verdienen der Nachtwächter , Hausmeister oder der Koch sehr viel weniger als die Koordinatoren und Wissenschaftler, aber im Prinzip sei die Hierarchie flach - mit Ausnahme von Dr. Vandana Shiva, die als die wissenschaftliche Autorin und als Finanzier des Ganzen sozusagen die unanfechtbare Priorin ist. Denn hier nähme man Autoritäten noch immer ernst, insistiert Chefkoordinator Drona gegenüber seiner antiautoritär bunt gewandten  Zuhörerschaft. Ein respektloser Umgang mit Lehrern wäre in Indien und der ganzen Himalaya- Region undenkbar. Den guten Betriebsgeist innerhalb der Belegschaft spürt man am besten jeden Nachmittag um 17 Uhr, wenn die Einheimischen wie die Gäste zusammentreffen, um unter den Mangobäumen eine Stunde lang Volleyball zu spielen; sogar die Farmhunde und ihre Welpen gucken andächtig zu.

   Die Forschungsfarm kooperiert mit einem Bauernpaar, das für sie pflügt und sie mit frischer Milch und Feldfrüchten versorgt. Navdanya stellt dem paar einen Hektar kostenlos zur Verfügung, um zu prüfen, ob indische Bauern von so wenig Land leben können. Und tatsächlich: Es geht! Die Bauern haben propere Kühe, groß und kräftig, dazu zwei Pflugochsen. Der Bauern ist der Einzige, der in Navdanya einen Turban trägt. Die meisten Mitarbeiter Navdanyas sind entweder Hindus oder modern aufgeklärt.

   Drona Chettri, der Chefkoordinator des Unternehmens, ist studierter Volkswirt, ein Allrundgenie aus Bhutan. Er lebt auf der Farm und ist für die Korrespondenz mit der Welt verantwortlich. Er hat mit lediglich zwei festen Mitarbeitern und vielen Aktivisten aus aller Welt im Sep. 2017 das "Monsanto-Tribunal" in Den Haag organisiert. 2000 Saatgutaktivisten aus aller Welt sind bei Navdanya eingeloggt und unzählige waren dort. Da Navdanya aus Indien Firmen wie Monsanto (jetzt Bayer) nicht verklagen kann, wurde in Italien eine internationale Organisation gegründet, übrigens in enger Zusammenarbeit mit Sow Food. Drona erzählt Vandana Shiva habe kürzlich geäußert, ihr wesentliches Ziel sei es Monsanto (jetzt Bayer) aus der Welt zu schaffen.   

                   

20.7.20 11:39, kommentieren

Totes Holz

Totes Holz    

                                                                                                              Text:Ulrike Fokken, taz:6.08.2019

Einzelne Fichten stehen noch. Sie ragen aus dem grünen Blättermeer der jungen Buchen, hüfthohe Fichten wachsen unter ihnen nach. Aus dem buschigen Jungbaumgewirr schießt hier und dort eine Buche in die Höhe, ähnlich einem Pubertierenden inmitten einer Schar Grundschüler. Dürr ist der Wald von Götz Freiherr von Rotenhan in den vergangenen Wochen geworden, die einzelnen Baumkronen von Fichten, Lärchen, Kiefern, Eichen, Buchen ausgedünnt, das Kronendach in 20,25 Meter Höhe löchrig. Bäume, die noch vor wenigen Wochen mächtig dastanden, liegen am Weg. ihre Stämme stapeln sich entrindet am Waldrand, ragen astlos aus dem Unterholz, türmen sich abholbereit zugeschnitten hinter der Scheune auf dem Familiengut. Der Wald stirbt.

   "Ich komme mit dem Auszeichnen nicht mehr hinterher", sagt Förster Simon Schuon, der den 600 Hektar großen Wald von Götz von Rotenhan in Unterfranken, zwischen Bamberg und Coburg, betreut. Die Fichten, Lärchen und Kiefern vertrocknen schneller, als er sie mit der signalroten Farbe kennzeichnen kann. Damit zeigt Schuon den Sägern, welche Bäume sie fällen sollen. Meckern würden die, erzählt Schuon, dass er nicht alle ausgezeichnet habe, wenn sie mit der Arbeit beginnen wollen. Die Borkenkäfer haben zwischen Schuons Gang durch den Wald und dem Eintreffen der Säger wieder Fichten befallen. "Und die Lärche steht auf einmal ohne Rinde da", sagt Schuon.

   100.000 bis 120.000 Hektar Forst hat die Dürre seit dem Sommer 2018 in Deutschland dahingerafft- das entspricht in etwa einer Fläche von Hamburg und Bremen zusammen. Im Thüringer Wald sind 5 Prozent der Bäume abgestorben, etwa weiter nördlich im Nationalpark Hainich platzt die Rinde der Rotbuchen wie die Kruste am Pizzarand. Am schlimmsten trifft die Trockenheit die flächendeckend gepflanzten Kiefern und Fichten. Die Kiefern brechen und brennen, wie in Brandenburg. Hektarweise fallen die Fichten durch die plagenden Borkenkäfer im Harz, in Sachsen, im Fränkischen Wald. Stehen Fichten voll im Saft und haben ausreichend Wasser, produzieren sie Harz und können sich so gegen den Borkenkäfer wehren. In der Trockenheit schaffen sie das nicht, da ihr Organismus zum Erliegen kommt.

   Die Hälfte des deutschen Waldes sind Kiefern und Fichten. Baum an Baum, eine 5,2 Millionen Hektar große Wirtschaftsfläche verteilt auf alle Bundesländer. Die Forstbesitzer spüren neben den Landwirten als Erstes die Auswirkungen der Erderwärmung auf ihre Produktionsflächen und ihre Wirtschaftsweise. Das seit 200 Jahren gepflegte Geschäftsmodell Forst droht im Klimawandel zu versagen, die Preise für Holz fallen immer mehr. Denn Waldbesitzer ernten seit Herbst 2018 mehr Bäume, als der Markt zu betriebswirtschaftlich vereinbarten Preisen aufnehmen kann. Die Forstbesitzer wollen retten, was geht, bevor ihre Bäume absterben, von Pilzen zersetzt oder von Borkenkäfern befallen werden. Teures Buchenholz wird so zu Brennholz, das aber allenfalls die Hälfte des Preises bringt. Am stärksten verfällt der Preis für Fichte, den "Brotbaum der Forstwirtschaft", der lange als sichere Einnahmequelle galt. Mancherorts ist der Preis für Fichtenholz auf ein Drittel gesunken. Das von Borkenkäfern angenagte, bläulich verfärbte Holz ist in manchen Gegenden unverkäuflich. Gleichzeitig steigen die Kosten: Holzsäger sind rar und lassen sich sehr gut bezahlen. Ihre Stundenlöhne sind um 50-70 Prozent gestiegen-innerhalb der vergangenen Wochen." die Marktlage ist katastrophal", sagt Götz von Rotenhan, der 600 Hektar Mischwald in Unterfranken bewirtschaftet und als Vizepräsident des Bayerischen  Waldbesitzerverbandes 700.000 Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer vertritt.

Selbst Tiefwurzler wie die Eiche können kein Wasser mehr aus dem Boden ziehen. Die Böden sind metertief trocken.  

Seit 200 Jahren pflanzen Förster in Deutschland massenhaft Kiefern und Fichten. "Das Symbol kraftvoller, ertragsorientierter und selbstbestimmter Forstwirtschaft", nennt Christian Kölling von der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft die Fichte. Fichten wachsen schnell und gerade, Forstbesitzer verdienen gut an ihnen, die Sägeindustrie hat sich auf die langen Stämme eingeschossen. Aber Fichten wurzeln auch flach, ihre Wurzeln dringen daher nicht bis zur Feuchtigkeit in die unteren Bodenschichten. Und in diesem Sommer können selbst Tiefwurzler wie die Eiche kein Wasser mehr aus dem Boden ziehen. Die Böden sind metertief trocken.

   " Eine intensive Waldwirtschaft macht den Wald wahrscheinlich anfälliger für die Folgen des Klimawandels", sagt Andreas Fichtner, Ökologe an der Leuphana Universität Lüneburg. Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen des globalen Wandels auf die Funktionalität der Wälder. "Problematisch ist der Verlust der Bodenfunktionen durch die vielen Rückegassen, also die Wege, auf denen die Erntefahrzeuge fahren, oft alle 20 Meter, und den Einsatz von tonnenschweren Erntemaschinen".  Schätzungsweise die Hälfte des Bodens in deutschen Wäldern ist geschädigt, mancher Boden irreparabel. " Der Unterboden in 1,50 Meter Tiefe erholt sich dann meist nicht mehr, der ist dermaßen verdichtet, da sind alle Poren zerdrückt", sagt Fichtner.  Ein gesunder Waldboden ist keine komplexe Masse, sondern ein offenes System, eine lockere, nährstoffreiche Masse, die von unzähligen Poren durchzogen ist. Die feinsten Wurzeln von Bäumen wachsen dort hinein und gelangen je nach Baumart auch sehr weit in die Tiefe. Die Wurzeln bilden Netzwerke, über die Bäume miteinander Nährstoffe austauschen. " Es wird vermutet, dass Bäume auch über die Netzwerke in Stresssituationen auch Wasser austauschen können", erklärt Fichtner. "Ganz viel von dem, was wir oberirdisch sehen passiert unterirdisch."

   Bisher haben Förster mit dem Verkauf des "Brotbaums Fichte" auch die Verluste ausgeglichen, die die Forstwirtschaft produziert. Sie finanzieren Pflanzungen und seit einigen Jahren auch Mischwälder, die in der Natur kostenlos entstehen. Eicheln, Bucheckern, die Samen von Ahornen, Birken, Ulmen, Kiefern und auch Fichten verbreiten sich von Natur aus selbst. So verjüngt sich auch ein Wald von selbst und Bäume jeden Alters wachsen heraus. Stehen nur Fichten in einer Monokultur, verbreitet sich nichts, die Naturverjüngung bleibt aus.

   Die übelsten großflächigen Fichten- und Kiefernmonokulturen gehören oft den Bundesländern. Die Landesforstverwaltungen treiben mal mehr,  mal weniger den Waldumbau voran, je nach Kassenlage und politischen Druck. So will das Kiefernland Brandenburg jedes Jahr 12.500 Hektar Kiefernforste in einen Laubmischwald verwandeln, schafft jedoch seit Jahren nicht mehr als 1.500 Hektar. Im Jahr 2015 wandelten die Landesforste 18 Hektar in Laubmischwald- von 735.000 Hektar Kiefernforst. Nur die kleinen Waldbauern übertreffen die Staatsförster in ihrer Fichten-und Kiefernfixiertheit. Sie beackern 5,3 oder manchmal nur einen halben Hektar, pflanzen je nach Region Fichten oder Kiefern, die dann 20 Jahre lang dicht wie Maisstengel stehen, durch die kein Reh und kein Spaziergänger passt. Dann durchforsten sie, sägen einen Teil raus, warten noch 10, 20 Jahre und schlagen dann alles auf einmal. Oder sie setzen auf einen Sturm, der ihnen die Arbeit abnimmt, und freuen sich über steuerliche Abschreibungen. Aufforsten kostet 6.000 Euro pro Hektar, mit Zaun gegen die Rehe kostet 9.000 Euro pro Hektar.  Die Kleinstforstbesitzer lassen ihre Flurstücke deswegen oft liegen , bis Gras zwischen den Baumstümpfen wächst. "Gras, Maus, aus", sagt ein ökologisch arbeitender Förster in Bayern. Stehen die Grasbüschel zu dicht, graben nur noch Wühlmäuse ihre Gänge unter den Grasmatten und sorgen dafür, dass einfliegende Baumsamen nicht aufgehen können. "Willst du den Wald bestimmt vernichten, so pflanze nichts als reine Fichten", hat ein Förster 1921 am Roggenburger Forst bei Ulm in Stein meißeln lassen. Seit Mitte des 19 Jahrhunderts haben Förster immer wieder versucht, Waldbesitzer und Forstverwaltungen vom Fichtenwahn abzubringen und stattdessen natürliche Wälder zu schaffen. Meistens vergeblich.

   Was also tun? Ist das Waldsterben noch aufzuhalten? Die Förster wissen, dass Fichten und Kiefern die wärmeren und trockeneren Zeiten in Deutschland nicht ertragen. Sie suchen daher weltweit nach schnellwachsenden Baumarten und hoffen auf die amerikanischen Douglasien und Küstentannen. Die beiden Baumarten haben sich nicht im europäischen Ökosystem entwickelt und haben deshalb hierzulande weder Borkenkäfer noch andere Feinde zu fürchten. Bislang wachsen die amerikanischen Bäume prächtig. Doch kanadische Forschungen zerstreuen zu viel Hoffnung auf die Forsttauglichkeit der Küstentanne im Klimawandel. Die Zellproduktion der Küstentanne sei nicht für trockenere Zeiten geeignet, schreibt Waldbiologin Miriam Isaac-Renton von der Universität Alberta. Jede Baumart sei zudem an die in ihrer Region auftretende Trockenheit gewöhnt, hat Steven Jansen von der Universität Ulm herausgefunden. Mehr Trockenheit als in ihrer Heimatregion vertragen die Bäume also nicht.

   "Wir sehen eine neue Art des Waldsterbens", sagt Kai Frobl, Naturschutzreferent und stellvertretender Landesbeauftragter des Bund Naturschutz Bayern. Anfang der 1980er Jahre hat auch er das Waldsterben im Erzgebirge unter dem sauren Regen öffentlich gemacht. Entschwefelungsanlagen für die Braunkohlekraftwerke und der Zusammenbruch der DDR haben damals die Luft sauberer gemacht. Der Wald hat sich regeneriert. jetzt sprechen Frobl und die Naturschutzverbände vom "Waldsterben 2.0". Förster und Waldbesitzer stimmen zu, was das Ausmaß des Baumsterbens in der Dürreperiode deutlich macht. "Wir haben eine völlig neue Dramatik rein bekommen", sagt Frobl. Es sterben nicht nur die Fichten, sondern auch die Buchen, Ahorn, Eichen. Es sterben die Mischwälder.

 Selten waren sich Naturschützer und die Forstleute so einig in der Analyse des Zustands. "Mehr und besseres Personal in den Forstämtern, bessere Beratung der kleinen Waldbesitzer, forcierte Bejagung", fordert Frobl. Spricht man mit Waldbesitzer Götz von Rotenhan, hört sich das in Teilen gleich an. "Waldumbau und Aufforstung zusammendenken und personell und finanziell unterstützen, effizienter jagen, die strukturschwachen Kleinwaldbesitzer stärken", fordert von Rotenhan von der Bayerischen Staatsregierung. Er wünscht sich, dass "ideologische Grenzen" überwunden werden, was unter den Wald- und Forstleuten in Deutschland so schwierig werden könnte, wie die USA und den Iran zu versöhnen. Seit Jahrzehnten wird in der Szene darüber gestritten, wie viel Bewirtschaftung der Wald verträgt.

Wälder könnten zu den Rettungsinseln der Menschheit werden

   In Wäldern bilden unterschiedliche Bäume, Gräser, Sträucher, Flechten, Kräuter die jeweils an Boden und Klima angepassten Ökosysteme, die mit Störungen wie Trockenheit oder Überschwemmungen leben können. Nach einem Blitzeinschlag, Hochwasser, Dürre verändern sich die Lebensbedingungen, eine Pflanzenart verschwindet, eine andere Art findet einen neuen Lebensraum in der freigewordenen ökologischen Nische. je mehr Pflanzen- und Tierarten in einem Ökosystem leben, desto stärker und widerstandsfähiger ist es. Alte Wälder kommen besser mit dem Klimawandel klar. Sie haben mehr Biomasse, die mehr Wasser speichern und dadurch auch besser kühlen kann. Doch den meisten Waldbesitzern nützen diese Erkenntnisse im zweiten Dürresommer in Folge nichts. ihre Wälder sind nicht alt, die meisten Wälder in Deutschland kommen auf 60 bis 120 Jahre. Und sterben nun vorzeitig ab.

  Als Vertreter von 700.000 Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer in Bayern fordert Götz von Rotenhan auch Geld- allerdings nicht nur für Aufforstungen, sondern auch für eine "Vergütung der Ökosystemdienstleistungen des Waldes". Schließlich sorgen die Mischwälder für sauberes Trinkwasser, Bäume reinigen die Luft von Schadstoffen. Wälder speichern Wasser in humusreichen Böden, schützen vor Überschwemmungen nach starken Regenfällen. Im Klimawandel haben Wälder daher nicht nur eine besondere Bedeutung, weil sie große Mengen CO2 speichern. Wälder können zu den Rettungsinseln der Menschheit werden, die sich an die Hitze anpassen muss.

   "Wir wussten, dass der Klimawandel kommt-aber nicht in dieser Geschwindigkeit", sagt Götz von Rotenhan. Er kennt seinen Wald seit seiner Kindheit. Als Junge hat er seinen Vater in ihren Wald begleitet, der damals noch zu zwei Dritteln aus Fichten bestand. Er erinnert sich, als der Orkan "Wiebke" 1990 in einer Nacht das Zehnfache des Jahreseinschlags an Fichten umwarf. Sein Vater habe Tränen in den Augen gehabt beim Anblick des geknickten Waldes. Von Rotenhan Senior ist Förster und begann nach dem Orkan mit dem Umbau des Forstes. Er hat nicht mit schnellwachsenden Fichten aufgeforstet, sondern Eichen gesät, Tannen gesetzt, Lärchen, Buchen, Kiefern, Ahorne, Douglasien und Küstentannen darunter gemischt. Er hat eigentlich alles richtig gemacht.

   "Das Ziel sind gemischte Bestände", sagt Götz von Rotenhan. Ein Drittel Fichten hat er noch, 15 Prozent Kiefern, Douglasien, Lärchen, Weißtannen. Die andere Hälfte seines Waldes besteht aus Buchen, Eschen, Ahornen, Birken und Eichen, deren Früchte der Eichelhäher im Wald verteilt. Behutsam geht von Rotenhan in braunen Wildlederschuhen über einen Teppich aus knöchelhohen Eichenschösslingen. Er will "Wertholz" produzieren, also 200 Jahre alte Eiche heranwachsen lassen, die noch die Enkelin seines jüngsten Sohnes wachsen lässt. " Für einen guten Wald muss man hervorragende Großeltern und noch bessere Enkel haben", sagt von Rotenhan. Doch in den Zeiten der Dürre wanken die menschlichen Regeln. " Der Klimawandel macht den Generationenvertrag kaputt", sagt von Rotenhan, der 90 Jahre alte Eichen fällt, bevor sie in der Trockenheit sterben. Die Erfahrungen im Forst reichen nicht aus, um zu erklären, was da passiert. "Weil es nicht aufhört", sagt Förster Simon Schuon. Die Trockenheit hört einfach nicht auf.

   Er hat alles so gemacht, wie er es gelernt hat: Er hat weinig Holz aus dem Wald geholt, dafür öfter, und er baut den Wald so um, dass aus Sicht der Waldbesitzer "nie eine Durststrecke" entsteht. Als im Herbst 2018 die Lärchen frühzeitig die Nadeln fallen ließen, war ein älterer Förster genauso ratlos wie der Mittdreißiger Schuon. Beide fragten sich, wann die Lärche wieder austreibt. Nun weiß Schuon: Die Lärche bildet keine neuen Nadeln. Sie bleibt kahl.

11.6.20 11:31, kommentieren