Auf hormonverändernde Chemikalien verzichten

Wie würde es sein, ohne Lebensmittel und Kosmetika, die in Plastik verpackt sind, (hormonverändernde Chemikalien)  zu verzichten?

Ich beziehe mich auf einen Artikel von Katharina Heckendorf aus der Zeit, im Oktober 2019

Für Menschen, die versuchen, sich selbst und  die Umwelt nicht zu sehr zu belasten, kaum Lebensmittel mit  Plastikverpackungen zu benutzen und wenigstens  teilweise biologisch angebaute Lebensmittel kauften, sei  es nicht einfach, so Frau Heckendorf, ohne endokrine Schadstoffe zu leben.

Was sind endokrine Schadstoffe?  Es sind Stoffe, die Hormone beeinflussen und die für Fettleibigkeit, Diabetes, Unfruchtbarkeit und Krebs mitverantwortlich gemacht werden. Mehr als 800 Stoffe gibt es davon. Es sind die Weichmacher Bisphenol A (BPA) und Phthalate, die es in verschiedenen Variationen gibt. Sie stecken in Lebensmittelverpackungen, sind in Waschmittel und Kosmetika zugesetzt. Sie haften als Flammschutzmitteln an Backpaper, haften auf Matratzen und beschichteten Pfannen und Töpfen.  Sie bleiben als Pestizid - Rückstände auf Obst und Gemüse zurück, die in Plastikverpackungen stecken. Der Körper nimmt sie über die Nahrung, die Lunge und über die Haut auf.  

Josef Köhrle,  der Direktor der Gesellschaft für Endokrinologie an der Berliner Charité´ rät dringend dazu, diese Stoffe zu meiden. Die Gesellschaft überlasse dieses Problem dem Markt und seinen Lobbygruppen, und diese Schadstoffe seien  weiterhin überall, so der Direktor. Es bleibt daher dem Einzelnen nicht anderes übrig, als sich selbst schlau zu machen und diese Stoffe in seinen Einkäufen ausfindig zu machen, um sie meiden zu können. Denn die hormonell bedenklichen Stoffe können auch in geringeren Dosen gefährlicher sein, als in großen. Der im Körper einstehende Cocktail verschiedener Chemikalien sei das Problem, so Herr Köhrle.

Frau Heckendorf kam die Idee,  mit Hilfe der App "Codecheck" alle Haushalts und Kosmetikprodukte in ihrem Haushalt zu scannen. Diese listet die Schadstoffe auf, die vermieden werden müssen. Ihr Schreck war groß,:  Denn  es stellte sich heraus, dass in fast allen Produkten hormonwirksame Stoffe enthalten sind. Da ja alles in Plastik verpackt ist, aus dem die Chemikalien in die Produkte übergingen. Make-up, Zahnpasta und Abschminktücher sind besonders betroffen. Zu finden sind Bisphenol A und Phthalate auch in Konserven, in Tetrapaks, in Coffee to go Becher, ebenso  in den Biolebensmitteln, wenn sie in Plastik verpackt sind. Für einen Verzicht kommen also nur die in  Plastik unverpackten  Biolebensmittel in Frage, denn die Rückstände der Pestizide auf konventionellen Lebensmittels  sind es, die ebenfalls hormonell wirksam sind.

Wie also schaffen wir es, auf endokrine Schadstoffe zu verzichten?

Frau Heckendorf machte diesen Selbstversuch, auf alle Produkte zu verzichten, in denen endokrine Schadstoffe enthalten waren.  Essen wollte sie nur Bio - Kost, die nicht in Plastik verpackt ist, sondern in  Glas oder Papier. Alufolie geht auch nicht. Sie hatte Glück, denn in Berlin gibt schon seit einiger Zeit  sogenannte Unverpacktläden. Sie kann dort Reis, Nudeln Linsen, Erbsen und vieles anderes kaufen. Wichtig ist, nur darauf zu achten, dass diese Lebensmittel aus  dem Biologischen Anbau stammen. In ihrem Bioladen fand  sie dann passierte Tomaten im Glas, Sahne und Milch im Glas, Bio- Eier, dazu frisches Obst und Gemüse. Statt Schokolade löffelt sie jetzt  Schokocreme.

In den folgenden Tagen kocht sie:  Dinkelnudeln in Pilz-Sahnesoße mit Rucola, Salat, Kartoffeln und Rührei  mit Olivenöl, Penne mit Mangold-Kürbis-Soße, Burger mit selbstgemachten Kichererbsen Haferflocken Pattys und vieles mehr. Leider fand sie auch im Bioladen Käse, der in Plastik verpackt war. Deshalb musste  sie darauf bestehen, dass Käse vom ganzen Leib aus der Kühlvorrichtung am Tresen  geschnitten wurde.  Es gab aber auch auf dem  Wochenmarkt unverpackten Bio- Käse. Aber sie empfand diese Suche schon als  ganz schön zeitaufwendig.  

Was ist mit Artikeln der Körperpflege?

Nachdem  Frau Heckendorf einen Öko-Deo im Glas gefunden hatte,  leider war der Deckel jedoch wieder aus Kunststoff, verzichtete sie auf herkömmliche Zahnbürsten und putzte ihre Zähne mit einer Holzzahnbürste mit Bio-Nylon-Borsten aus Rizinusöl. Sie nutzte Zahnpastatabletten, die man kauen muss, bis sie schäumen. Gesichtscreme findet sie in Braunglas in Bio-Qualität-zwar wieder  mit Plastikdeckel, aber immerhin.  Trotzdem entpuppt sich die Suche als schwierig, die passende Kosmetik zu finden. Statt Bodylotion benutzte sie Kokosöl in Bio- Qualität und in Glas verpackt. Ihre Wäsche wäscht  sie mit Öko- Waschmittel in Pappe verpackt. Und sie putzt ihren Haushalt mit Natron und  Essig. Sie hat sich außerdem vorgenommen, nur mit einer gusseisernen Pfanne zu braten. Und Backpapier ist passe`. Insgesamt fand sie die Umstellung am Anfang sehr schwierig.

Sie hat sich jedoch gefragt, weshalb all diese schädlichen Zusatzstoffe so zahlreich in allen Produkten vorkämen. Wie ist das möglich? Weshalb gibt es keine Verbote?

Auf seiner Website schreibt der Industrieverband  "Körperpflege und Waschmittel",  dass Kunststoffverpackungen für Lebensmittelkontakt, die auf den EU-Markt gebracht werden, aus deren Sicht sicher seien. Die EU Grenzwerte seien schon konservativ  festgesetzt. Und der Ökotoxikologe Jörg Oehlmann von der Universität Frankfurt behauptet, die Liefer-und Herstellungsketten seien so komplex, dass der Handel komplett überfordert und Zusatzstoffe nicht gekennzeichnet würden.   Es werden Pellets von Kunststoffen verarbeitet, wo Keiner mehr überblickt,  was an Rohstoffen eingebracht wurden. Der Präsident der deutschen Gesellschaft für Endokrinologie Josef Köhrle bezeichnet die Weichmacher Bisphenol A (BPA) und Phthalate in Plastikstoffen dennoch als Zeitbomben für die menschliche Gesellschaft. Er erinnert an das Vorsorgeprinzip, das in der EU gilt. Denn eigentlich dürfen Stoffe erst dann in Umlauf gebracht werden, wenn man beweisen kann, dass sie unbedenklich sind. Meines Erachtens  braucht es  mehr  Aufklärung für die Verbraucherinnen und Verbraucher, damit sie ihre Rechte auf ungiftige Stoffe in Lebensmittel und Kosmetika einklagen können.   

 

 

  

 

6.1.20 18:58, kommentieren

Die letzten Farmer von Wisconsin

Die letzten Farmer von Wisconsin                               von Heike Buchter Zeit: Nov.2019

Lange prägen bäuerliche Familienbetriebe das Bild des ländlichen Amerika. Jetzt stehen die kleinen Bauern in den USA vor dem Ende.

Während der Auktionator die Herde aus 55 Holsteinkühen anpriest - Die Milchleistung! Die Qualität! Bio!- und eine von ihnen aufgeregt in dem vergitterten Pferch hin und her rennt, hockt der Bauer, dem die Tiere bis zum finalen Hammerschlag noch gehören, zusammengesunken und mit versteinerter Miene auf einer Holzbank unter den Zuschauern.

    Es ist schwierig, den Mann anzusprechen, weil die Veranstalter keine Journalistin als Besucher dabei haben wollten, sodass sich die Auktion nur heimlich beobachten lässt. Auf einer weißen Tafel sind aber mit Filzstift ein paar Daten notiert, die erahnen lassen, dass für diesen Mann mehr zusammenbricht als nure ein Geschäft: "Auflösung der Herde", "150 Jahre Familien-Farm", "Kühe täglich draußen".

    In einem Telefonat ein paar Tage später sagt der Bauer, der Tom Hasz heißt und 59 Jahre alt ist, dass der Verkauf ein schwieriger Entschluss gewesen sei. Doch als sich eine Missernte und damit ein Mangel an eigenem Futtermittel für seine Tiere abzeichnete, hielt er den Verkauf seiner prämierten Herde für den besten Ausweg. Über 150 Jahre lang waren die Hasz hier in Wisconsin Milchbauern. Jetzt ist der Stall leer.

    Mittwoch ist Auktionstag bei Premier Livestock nahe Wausau, einer Kleinstadt, die mit 40.000 Einwohnern die größte Ansiedlung hier in der hügeligen Mitte des Bundesstaats Wisconsin ist. An diesem Vormittag wird bei Premier noch eine weitere Herde versteigert. Dass ganze Betriebe zum Ausverkauf stehen, ist dort inzwischen Routine.

    Eigentlich werden Wisconsins Einwohner wegen der vielen Milchbauern und Molkereien in dem Bundesstaat im Volksmund gern cheesheads, Käseköpfe, genannt. Doch nun kämpfen sie dort um die Existenz, im Durchschnitt geben täglich zwei Milchbauern auf. Über die vergangenen zwölf Monate waren es 800 Farmen, die ihre Kühe mehr oder weniger freiwillig verkauften oder die eine Zwangsvollstreckung über sich gehen lassen mussten. Von den 15.000 Kuhherden in Wisconsins, die es vor 15 Jahren gab, ist noch die Hälfte übrig.

In ganz Amerika geht es den Landwirten schlecht. Der Niedergang gründet zum einen in einem tiefgreifenden Umbau der Landwirtschaft, der schon vor Jahren eingesetzt hat und mit großen Agrarfabriken  zu tun hat. Und er hat mit der Politik eines Präsidenten zu tun, den viele Bauern gewählt haben - und dem sie dennoch nicht gram zu sein scheinen.

    Auch Randy Wokatsch hält am Präsidenten fest. An der Wand in seinem Stall findet sich ein Zettel, auf dem steht: "Nicht Russland hat mich für Trump stimmen lassen, Hillary war´s". Dabei hat auch Wokatsch seine Herde vor Kurzem bei Premier versteigern lassen müssen. Der Auktion selbst bleib er fern. Es wäre zu schmerzhaft gewesen, sagt er:" Ich kannte jedes einzelne Tier, die meisten wurden bei uns auf der Farm geboren."

    In Marathon Country, dem Bezirk, in dem Wokatschs Farm liegt, erhielt Trumps Demokratische Gegnerin Hillary Clinton 2016 nur 38 Prozent der Stimmen. Satte 75 Prozent der Landwirte im Mittleren Westen, den sie hier voller Stolz und Symbolik das Heartland, das Herz des Landes, nennen, stimmten 2016 für den New Yorker Immoblilientycoon Donald Trump als Präsidenten.

    Die Landwirte in dieser Region gehören zu Trumps treuesten Wählern, weil der ihnen eine Lockerung der Umweltauflagen, die Förderung von Biosprit und die Abschaffung der Erbschaftssteuer versprach. Vor allem aber erhofften viele sich von Trump, der sich als knallharter Verhandlungsprofi präsentierte, ein Steigen der niedrigen Preise und mehr Absatzmärkte für ihre Produkte.

    Bislang haben sich diese Hoffnungen nicht erfüllt. Vielmehr treffen die Handelskriege, die Trump mit China und anderen Nationen angezettelt hat, Amerikas Bauern härter und direkter als Industriebetriebe oder Verbraucher: In den ersten acht Monaten dieses Jahres haben ihnen chinesische Importeure nur Agrarprodukte im Wert von acht Milliarden Dollar abgenommen. Das ist nicht einmal die Hälfte der rund 20 Milliarden Dollar an Waren, die sie im Jahre 2017 kauften. Auch die Ausfuhr von Milch und Milchprodukten nach China hat sich halbiert, nachdem die chinesische Regierung im vergangenen Sommer als Reaktion auf US-Strafzöllen selbst 25 Prozent Strafzölle auf US-Agrarimporte eingeführt hatte. US-Sojaexporte, die den größten Teil der Agrarexporte ausmachen, sind um 75 Prozent eingebrochen. China kauf nun Soja aus Brasilien.

Dennoch erklärten im September bei einer Umfrage des Farm Journal 76 Prozent der befragten Bauern, sie seien zufrieden mit Trump. Und beim monatlichen Agrar-Stimmungsbarometer der Purdue University in Indiana zeigten sich mehr als zwei Drittel zuversichtlich, dass Trumps Verhandlungen langfristig erfolgreich sein werden.

    Wokatsch war stolz, Milchbauer in der dritten Generation zu sein. Seine Herde gehörte zu den besten. Zwei Wochen vor dem Verkauf hat er ihre Milchleistungsdaten noch einmal zum lokalen Vergleichstest eingeschickt. "Wir waren die Nummer drei im ganzen Bezirk", sagte er. Zudem hat er lange alles versucht, das Aus zu verhindern. Er baute Ginseng für asiatische Käufer an, züchtete Saatgut, verwandelte ein Stück seines Grund und Bodens in eine Sandgrube, verpachtete seinen Wald an Jäger und seine Scheune als Garage an Campingbus-Besitzer. Doch nach vier Jahren anhaltend niedriger Milchpreise gab er schließlich auf. An einem Abend im September molk er seine Holsteinkühe noch einmal , mistete ihre Ställe aus. Dann kamen Viehtransporter von Premier und luden sie ein.

    In der gesamten USA ist die Zahl der Höfe, die in den zwölf Monaten bis September Konkurs anmelden mussten, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast ein Drittel gestiegen. Schlechtes Wetter hat die Lage verschärft. In der Gegend um den Auktionsort Wausau stehen allerorten noch große Pfützen und Wasserlachen auf den Feldern. Rekordregenfälle verzögerten im ganzen Mittleren Westen, dem landwirtschaftlichen Kernland der USA, die Aussaat um Wochen. Nun bedroht Frost und Schnee die verspätete Ernte. Klimaforscher wie Richard Rood, Professor an der University of Michigan in Ann Arbor, schreiben die zunehmende Häufigkeit von extremen Wetterereignissen dem Klimawandel zu.

    Dabei verschärfen Wetter, Strafzölle und die damit schwindenden Absatzmärkte eine für kleine amerikanische Betriebe ohnehin schwierige Entwicklung, die lange vor Trumps Präsidentschaft begann. Die Schulden, die auf den Höfen lasten, liegen nach Berechnungen des US-Landwirtschaftsministeriums bei mehr als 400 Milliarden Dollar. Allein seit dem vergangenen Jahr haben die Bauern neue Kredite über 24 Milliarden Dollar aufgenommen.

    Anders als in guten Zeiten investieren die meisten das geliehene Geld jedoch nicht in neue Maschinen, Vieh oder Felder. Vielmehr begleichen sie laufende Kosten, etwa für Futter und Dünger. Viele Farmer lösen mit den neuen Schulden auch bisherige Kredite ab, um längere Zeit zum Abstottern zu bekommen.

    Die Misere treibt viele Bauern in die Verzweiflung. Das zeigt die Organisation Farm Aid, die Bauern unterstützt. Gab sie vor der Krise vor allem Tipps für besseres Marketing, geht es heute um Existenzängste. "Alle unsere Mitarbeiter mussten ein Suizidpräventionstraining absolvieren", sagt Jennifer Fahy, die Sprecherin der Organisation. Wisconsins Volksvertreter im Landesparlament, die sonst in kaum einem Punkt einer Meinung sind, genehmigten Anfang September gemeinsam 100.000 Dollar für Maßnahmen, die depressiven Farmern helfen sollen.

    Doch die Farmer geben die Schuld nicht geopolitischen Erschütterungen, deren Urheber ausgerechnet sie selbst mit ins Amt gehoben haben.

    " Es sind die Mega-Milchfarmen, die uns Familienbetriebe verdrängen", sagt Wokatsch. Gemeint sind Farmen, bei denen statt ein paar Dutzend oder ein paar Hundert Kühen gleich Tausende in Ställen stehen, neben denen die von Wokatsch und seinen Nachbarn wie Gartenlauben wirken.

    Eine solche Milchfabrik ist etwa Fair Oaks Farm in Indiana, wo 35.000 Kühen genug Milch produzieren, um die 150 Kilometer Metropole Chicago zu versorgen. Die Melkanlage der Mega Farm, die bis auf kurze Pausen für die Säuberung rund um die Uhr laufen, können 500 Kühe pro Stunde abfertigen. Die Fläche der Farm ist größer als die Insel Sylt. Touristen schaukeln in einer "Dairy Adventure"- Tour, eine Art Disney-Landwirtschaftstour, im Bus durchs Gelände.

    Die Megafarmen sind Ausdruck einer Marktkonzentration in den USA. Gab es noch 1970 noch 650.000 Milchfarmen, sind es heute nicht einmal mehr 40.000. Gleichzeitig stehen die etwa 2000 Farmen, die jeweils mehr als 1000 Kühe halten, für rund die Hälfte der gesamten Milchproduktion. Tier und Umweltschützer kritisieren die Intensivhaltung, doch die bringt entscheidende ökonomische Vorteile. Vom Futtereinkauf bis zu den Dienstleistungen des Veterinärs - Megafarmen erhalten bessere Bedingungen und können so viel billiger produzieren.

    Der Farmer Hans Breitenmoser glaubt, dass die Riesenbetriebe alles verändert haben. Viele Megafarmen seien Unternehmen mit Investoren, für die die Kühe nur ein Investment unter anderen seien. Verluste seien für sie nicht nur leichter zu verkraften, sondern wirken sich sogar steuerlich günstig aus, weil man sie gegen Gewinne aus anderen Investments gegenrechnen kann. " Gegen Konkurrenten, für die Verluste nicht existenzbedrohend sind, kommen wir Familienbetriebe kaum an", sagt Breitenmoser.

    Wie viel Geld genau in Milchfarmen fließt, lässt sich schwer ermitteln. Sicher ist: Die Wall Street zeigt zunehmend Interesse an Anlagen im Agrargeschäft. Aurora Organic Dairy etwa, die fünf Biomilich Betriebe in Colorado und Texas betreibt, gehören inzwischen mehrheitlich Charlesbank Capital Partners, einem Private -Equity- Unternehmen aus Boston, zu dessen Investmentportfolio unter anderem auch Erdgaspipelines und Kliniken gehören.

    Die gleiche Entwicklung wie bei den Farmen spielt sich auch bei den kommerziellen Milchabnehmern ab: den Molkereien. Die Zahl der Betriebe nimmt ab, die verbleibenden werden größer. Damit wird es  für sie unwirtschaftlich, ständig viele, kleine Höfe abzuklappern. Viele Bauern in Wisconsins fürchten deshalb, dass der Tanklaster eines Tages gar nicht mehr bei ihnen vorbeikommt. Die Kooperative Dairy Farmers of America, eine der größten Molkereien im Land, kündigte 2017 auf einen Schlag 225 Milchbauern. Und auch Farmer Breitenmoser spürt die Folgen der Konzentrationswelle. Lange zahlte er nur 150 Dollar im Monat für den Abtransport seiner Milch- der Preis wurde von der Molkerei stark subventioniert. Vor Kurzem teilte ihm das Unternehmen mit, er müsse nun bis zu 8000 Dollar im Monat zahlen, damit der Milchfahrer jeden Abend überhaupt vorbei kommt.

   Ein Naturgesetz war die Konzentration der Marktentwicklung nicht. Sie war und wird von der Regierung in Washington gewünscht. Im Oktober riet Trumps Landwirtschaftsminister Sonny Perdue den wütenden Bauern von Wisconsins, sie sollten "wachsen oder weichen ". Gehört haben die Landwirte den Ruf zur Expansion schon oft. Er war das Mantra von Earl Butz, in den 70er Jahren Landwirtschaftsminister unter Präsident Nixon. Von Kritikern später als "Schutzpatron der Fast Foot-Nation" geschmäht, betrieb Butz nach Kräften die Industriealisierung  und Globalisierung der US Landwirtschaft. Davon profitieren vor allem die großen Lebensmittelhersteller, denn diese Entwicklung ließ die Preise für ihr Rohmaterialien sinken.

    Als Ausgleich versprach Butz den Farmern Zugang zu Exportmärkten. 1972 etwa fädelte er Weizenlieferungen an die Sowjetunion ein. Um an dem so ausgelösten Boom teilzuhaben, verschuldeten sich Amerikas Farmer, um mehr Land und neue Maschinen kaufen zu können. Dann marschierten die Sowjets in Afghanistan ein, und die US- Regierung verhängte ein Embargo. Die Preise brachen ein, die Zinsen zogen an. Schätzungen zufolge konnten bis zu 300.000 Farmer in den Achtzigerjahren ihre Kredite nicht mehr bedienen. Viele gaben auf.

    Doch Butz` Nachfolger hielten unbeirrt an der Globalisierungspolitik fest. 1994, nach der Gründung der nordamerikanischen Freihandelszone, wurde Mexiko einer der wichtigsten Absatzmärkte- was dann aber andere traf: Kleinbauern in Mexiko konnten nicht mit den billigen US Importen mithalten. Die dadurch ausgelöste Landflucht war einer der Gründe für die Welle illegaler Einwanderer, die aus Mexiko in die USA drängten.

    Die Folgen der immer stärkeren Zentralisierung reichen auch innerhalb der USA längst über die Landwirtschaft hinaus. " Mit dem Verschwinden der Höfe sterben auch die Orte", sagt Sarah Lloyd, eine Milchbäuerin und Aktivistin aus Wisconsins. Sie versucht die Farmer für politische Aktionen zu gewinnen.

    Denn schon jetzt franst die Infrastruktur in den ländlichen Gegenden immer mehr aus. Viele Bewohner müssen 20 Kilometer zum nächstgelegenen Supermarkt fahren. Krankenhäuser schließen. Um die kleineren landwirtschaftlichen Betriebe zu retten, fordert Lloyd ein nationales System, das die Produktion jeder Farm auf dem aktuellen Niveau einfrieren würde. Wer mehr liefern wollte, müsste eine Abgabe auf die zusätzliche Menge zahlen. Doch es ist nicht einfach, die Landwirte zu überzeugen."Viele lehnen das als sozialistisch ab", sagt die Aktivistin.

    Auch Randy Wokatsch war lange dagegen. Doch sein Glaube an einen freien und fairen Markt ist erschüttert. Sollte das von Lloyd angestrebte System tatsächlich kommen, sagt er, könne er sich vorstellen, noch einmal eine Herde aufzubauen. Vielleicht stehen in dem Stall, den sein Großvater 1901 gebaut hat, dann wieder Milchkühe.  

   

         

 

 

21.11.19 12:37, kommentieren

Kapitalismus in Kapseln

Kapitalismus in Kapseln

von Stephan Lessenisch

Über den Zusammenhang zwischen unserem Kaffekonsum und Umweltkatastrophen im globalen Süden

 

Mariana, am 5. November 2015: In der Bergbauernstadt im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais brechen die Dämme zweier Rückhaltebecken, in denen die Abwasser einer Eisenerzmine gesammelt wurden. 60 Millionen Kubikmeter schwermetallhaltigen Schlamms ergießen sich über die Anrainergemeinde Bento Rodrigues und in den Rio Doce.

   Laut dem Betreiber der Mine, Samarco Mineracao S.A., durch ein leichtes Erdbeben freigesetzt, begräbt der Klärschlamm umlegende Bergdörfer und einige ihrer Bewohner unter sich. Den ehedem "Süßen Fluss" lässt er auf drei Vierteln seiner 853 Kilometer langen Laufs zu einem giftigen Strom aus Rückständen von Eisen, Blei, Quecksilber, Zink, Arsen und Nickel werden, rund 25000 Menschen sind damit jäh von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten. Nach vierzehn Tagen erreicht die rote Flut die Atlantikküste und ergießt sich ins Meer. Wenige Wochen später spricht Dilma Rousseff auf der Pariser Klimakonferenz von der schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte ihres Landes.

    So beeindruckend die Bilder von verschlammten Landschaften und verendeten Tieren, vom toten Fluss und seiner sich rot färbenden Mündung sind, so bedrückend ist der Fall Rio Doce doch gerade nicht in seiner Einzigartigkeit, sondern in seiner perversen Normalität. Denn Rio Doce ist überall. In seinen Ursachen wie in seiner Bearbeitung, in der Absehbarkeit des "Unglücks" wie auch den Reaktionen darauf steht dieser Fall stellvertretend für die herrschenden globalen Verhältnisse. Er steht sinnbildlich für eine ökonomisch-ökologische Weltordnung, in der die Chancen und Risiken gesellschaftlicher "Entwicklungen" systematisch ungleich verteilt sind, und verweist zudem geradezu idealtypisch auf das Lokal-, regional- und weltpolitische business as usual im Umgang mit den Kosten des industriell-kapitalistischen Gesellschaftsmodells.

Was am Rio Doce passiert ist, war eine ganz normale Katastrophe, wie sie sich so oder so ähnlich seit Jahren immer wieder abspielt, in Brasilien und in anderen rohstoffreichen Ländern, die in der globalen Arbeitsteilung notgedrungen auf die Ausbeutung ihrer natürlichen Ressourcen setzen. Sie tun es auf intensive, im Zweifel auf rücksichtslose Weise. Wobei dieses "Sie tun es" sofort qualifiziert gehört, denn nicht selten wird das - je nach Weltmarktpreisen- mehr oder weniger lukrative Geschäft an transnationale Konzerne vergeben.

    Brasilien ist mit fast 400 Millionen geförderten Tonnen (2011) der weltweit drittgrößte Eisenerzproduzent nach China und Australien. Die zunächst staatliche, 1977 privatisierte Vale S.A., ehemals Companhia Vale do Rio Doce, ist neben den britisch-australischen Konzern Rio Tinto Group und BHP Billiton eines der drei größten Bergbauunternehmen der Welt und mit einem Marktanteil von 35 Prozent der weltgrößte Eisenerzexporteur. Gemeinsam mit BHP Billiton ist Vale über die Tochterfirma Samarco Eigentümerin der Mine in Mariana.

    Der bei den Dammbrüchen abgegangene Schlamm ist nicht giftig und besteht hauptsächlich aus Wasser und Kieselerde, hatte Samarco zunächst mitgeteilt. Diese Aussage erwies sich bald als ebenso falsch wie der Verweis auf Erdstöße als Unglücksursache. Es liegt nahe, die Ursachen vilmehr im typischen Verwaltungshandeln in sogenannte Drittweltstaaten zu suchen, also in Korruption, Klientismus und mangelnde Kontrollen.

    Genau dies lässt sich denn auch schnell finden: Die geborstenen Klärschlammbecken wiesen seit Längerem bekannte Sicherheitsmängel auf, die von der zuständigen Staatsanwaltschaft bereits 2013 gerügt worden waren. Die Behörde wies dabei auch auf die akute Gefährdung des Dorfs Bento Rodrigues hin. Die vom Bundesstaat Minas Gerais geförderten Sicherheitsprüfberichte hätten im Fall Samarco nicht unabhängige Expertinnen, sondern Mitarbeiter des Unternehmens selbst erstellt. Fast zugleich mit dem Dammbruch votierte eine Kommisssion des Senats, der höheren Kammer im Nationalkongress, in dem sich die Bergbaulobby stets auf politische Unterstützung verlassen kann, für "mehr Flexibilität" bei den behördlichen Überprüfungen der Minenbetreiber.

Der Fluch der Aluminiumproduktion

Alles also eine Frage unterentwickelter Staatlichkeit, versagender Institutionen, einer "nichtwestlicher" politischen Kultur? Nun ja. Die andere Seite der Chronik eines angekündigten "Unglücks" ist, dass die Belastung der geborstenen Talsperren erst kurz vorher massiv erhöht worden war. Trotz (oder wegen)des Verfalls der Weltmarktpreise hatten die beiden Großkonzerne die Förderungen der Samarco-Mine gegenüber dem Vorjahr fast um 40 Prozent auf 30,5 Millionen Tonnen gesteigert- eine Marktflutungsstrategie, die in Mariana zu einer starken Zunahme des Minenabraums führte und zur Überflutung des Umlands.

    Während die Geschehnisse am Rio Doce also eine Katastrophe für die Natur (und die in und von ihr lebenden Menschen) ist, war sie doch keine Naturkatastrophe. Ihre Hintergründe sind alles andere als "natürlich". Das, was in Mariana stattgefunden hat und dort alltäglich stattfindet, ist keine Frage der lokalen Verhältnisse, sondern verweist zurück auf das Zentrum des Geschehens, oder, genauer: die auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in jenen Regionen, die sich für den Nabel der Welt halten und ihre Machtposition im wirtschaftlichen und politischen Weltsystem nutzen, um die Spielregeln vorzugeben, an die andere sich halten müssen und dessen Folgen andernorts spürbar werden.

    Zu diesen Spielregeln gehört auch und vielleicht sogar vor allen Dingen, dass nach "Vorfällen" wie in Mariana schnellstmöglich zur Tagesordnung übergegangen wird. Nicht nur vor Ort, wo der Widerstand gegen die Erzbauindustrie aus naheliegenden Gründen schwer zu organisieren ist: Die Menschen in Minas Gerais sind von ihr abhängig, ob sie wollen oder nicht. Vier von fünf Haushalten in Mariana hängen von ihrer Existenz an der Mine. Sollte sie geschlossen werden, könne man auch gleich den ganzen Ort dichtmachen, so der Bürgermeister Duarte Junior. Nach der Katastrophe gingen in Mariana immer wieder Menschen auf die Straße, um zu protestieren- freilich nicht gegen den Minenbetreiber, sondern dafür, dass die Mine möglichst bald wieder in Betrieb gehen möge. Parallel fanden sich selbstverständlich gleich Experten, die Entwarnung gaben beziehungsweise vor unangebrachter Umwelthysterie warnten.

    Paolo Rosman, Professor für Küsteningenieurwissenschaften an der Universität von Rio de Janeiro und Autor einer im Auftrag des brasilianischen Umweltministeriums hastig erstellten Folgenabschätzung, erklärte des Rio Doce zwar für "momentan tot", taxierte die "Widerherstellungsfrist" der Natur am Ort des Dammbruchs allerdings auf nur ein Jahr und erklärte die Auswirkungen im Mündungsgebiet des Flusses für "vernachlässigbar". Die Situation dort werde sich innerhalb weniger Monate bereinigen, die zu erwartenden heftigen Regenfälle würden den Rio Doce gewissermaßen "waschen" - "ein ganz natürlicher Prozess".

    Solcherart Reinwaschen der unansehnlichen Situation ist ganz nach dem Geschmack nicht nur nach den vor Ort operierenden multinationalen Bergbaukonzerne, sondern auch des Publikums in den hochindustrialisierten Gesellschaften Europas und Nordamerikas. Die Menschen in diesen Ländern hängen nämlich ganz dick mit drin im Verursachungszusammenhang der brasilianischen Katastrophe. Sie - und also "wir" - sind Teil der Misere, nicht nur der brasilianischen oder lateinamerikanischen. Wir stehen hinter dem global im großen Stil betriebenen Ressourcenabbau und den damit in den Förderländern einhergehenden Umweltbelastungen, Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnissen.

    Nehmen wir das Aluminiumerz Bauxit, das in vielen Ländern des Tropengürtels lagert. Brasilien ist (Stand 2008) nach Australien und China sowie vor Guinea der drittgrößte Bauxitproduzent der Welt. In allen Ländern mit nennenswerten Lagerstätten ist der Abbau im vergangenen Jahrzehnt stark angestiegen: Das Bergbauunternehmen Rio Tinto etwa steigerte die weltweite Förderung zwischen 2006 und 2014  von 16 Millionen auf 234 Millionen Tonnen (und die Eisenerzförderung parallel von 133 Millionen auf 234 Millionen Tonnen).

    Bauxitgestein wurde schon im 19. Jahrhundert in Europa entdeckt und abgebaut, die Vorkommen in den südlichen Weltregionen sind jedoch ungleich größer und  produktionstechnisch wertvoller. Praktisch der gesamte Bauxitabbau dient der Herstellung von Aluminium- das wiederum in zahlreichen Gütern des alltäglichen und außeralltäglichen Bedarfs rohstoffnutzender Länder verarbeitet wird. Zum Beispiel in fein säuberlich portionierten Kaffekapseln.

    Zur Produktion für Aluminium bedarf es eines extrem hohen Energieeinsatzes: Um 1 Kilogramm aus dem Rohstoff zu gewinnen, werden 14 Kilowattstunden Strom benötigt, wobei etwa 8 Kilogramm Kohlendioxid freigesetzt werden. Allein in Deutschland wurden 2014 rund 2 Milliarden der vor wenigen Jahren noch gänzlich unbekannten Kaffeekapseln geleert, Tendenz steigend. Wobei hier bislang nur die Spitze des Eisbergs des europäisch- nordamerikanischen Kaffeekapselhypes in den Blick genommen wurde: Es war ja nicht mal die Rede von den Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten des brasilianischen Erzbergbaues; noch nicht davon, dass der Giftmüll nicht nur bei der Produktion im Tropengürtel dieser Welt anfällt, sondern im Zweifel auch per Müllexport aus den wohlhabenden Weltregionen wieder dorthin zurückkehrt; oder von den sozialen, ökonomischen und ökologischen Umständen des Kaffeeanbaus, seiner Ernte und seines Transports in die kaffeekonsumierenden Zentren der Welt.

    Die Wertschöpfungskette Kaffee wiederum , die Produktions- und Konsumwelt der kleinen Kaffeekapseln, ist ja nur die Spitze eines weiteren, noch viel größeren Eisbergs, eines gigantischen globalen Prozesses der permanenten Umverteilung von Gewinnen und Verlusten - ganz gleich, ob man nun die Baumwollproduktion oder den Sojaanbau, den SUV-Boom oder die Smartphone-Manie nimmt.

Auszug aus: Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. (2016).         

 

 

 

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