Kapitalismus in Kapseln

Kapitalismus in Kapseln

von Stephan Lessenisch

Über den Zusammenhang zwischen unserem Kaffekonsum und Umweltkatastrophen im globalen Süden

 

Mariana, am 5. November 2015: In der Bergbauernstadt im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais brechen die Dämme zweier Rückhaltebecken, in denen die Abwasser einer Eisenerzmine gesammelt wurden. 60 Millionen Kubikmeter schwermetallhaltigen Schlamms ergießen sich über die Anrainergemeinde Bento Rodrigues und in den Rio Doce.

   Laut dem Betreiber der Mine, Samarco Mineracao S.A., durch ein leichtes Erdbeben freigesetzt, begräbt der Klärschlamm umlegende Bergdörfer und einige ihrer Bewohner unter sich. Den ehedem "Süßen Fluss" lässt er auf drei Vierteln seiner 853 Kilometer langen Laufs zu einem giftigen Strom aus Rückständen von Eisen, Blei, Quecksilber, Zink, Arsen und Nickel werden, rund 25000 Menschen sind damit jäh von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten. Nach vierzehn Tagen erreicht die rote Flut die Atlantikküste und ergießt sich ins Meer. Wenige Wochen später spricht Dilma Rousseff auf der Pariser Klimakonferenz von der schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte ihres Landes.

    So beeindruckend die Bilder von verschlammten Landschaften und verendeten Tieren, vom toten Fluss und seiner sich rot färbenden Mündung sind, so bedrückend ist der Fall Rio Doce doch gerade nicht in seiner Einzigartigkeit, sondern in seiner perversen Normalität. Denn Rio Doce ist überall. In seinen Ursachen wie in seiner Bearbeitung, in der Absehbarkeit des "Unglücks" wie auch den Reaktionen darauf steht dieser Fall stellvertretend für die herrschenden globalen Verhältnisse. Er steht sinnbildlich für eine ökonomisch-ökologische Weltordnung, in der die Chancen und Risiken gesellschaftlicher "Entwicklungen" systematisch ungleich verteilt sind, und verweist zudem geradezu idealtypisch auf das Lokal-, regional- und weltpolitische business as usual im Umgang mit den Kosten des industriell-kapitalistischen Gesellschaftsmodells.

Was am Rio Doce passiert ist, war eine ganz normale Katastrophe, wie sie sich so oder so ähnlich seit Jahren immer wieder abspielt, in Brasilien und in anderen rohstoffreichen Ländern, die in der globalen Arbeitsteilung notgedrungen auf die Ausbeutung ihrer natürlichen Ressourcen setzen. Sie tun es auf intensive, im Zweifel auf rücksichtslose Weise. Wobei dieses "Sie tun es" sofort qualifiziert gehört, denn nicht selten wird das - je nach Weltmarktpreisen- mehr oder weniger lukrative Geschäft an transnationale Konzerne vergeben.

    Brasilien ist mit fast 400 Millionen geförderten Tonnen (2011) der weltweit drittgrößte Eisenerzproduzent nach China und Australien. Die zunächst staatliche, 1977 privatisierte Vale S.A., ehemals Companhia Vale do Rio Doce, ist neben den britisch-australischen Konzern Rio Tinto Group und BHP Billiton eines der drei größten Bergbauunternehmen der Welt und mit einem Marktanteil von 35 Prozent der weltgrößte Eisenerzexporteur. Gemeinsam mit BHP Billiton ist Vale über die Tochterfirma Samarco Eigentümerin der Mine in Mariana.

    Der bei den Dammbrüchen abgegangene Schlamm ist nicht giftig und besteht hauptsächlich aus Wasser und Kieselerde, hatte Samarco zunächst mitgeteilt. Diese Aussage erwies sich bald als ebenso falsch wie der Verweis auf Erdstöße als Unglücksursache. Es liegt nahe, die Ursachen vilmehr im typischen Verwaltungshandeln in sogenannte Drittweltstaaten zu suchen, also in Korruption, Klientismus und mangelnde Kontrollen.

    Genau dies lässt sich denn auch schnell finden: Die geborstenen Klärschlammbecken wiesen seit Längerem bekannte Sicherheitsmängel auf, die von der zuständigen Staatsanwaltschaft bereits 2013 gerügt worden waren. Die Behörde wies dabei auch auf die akute Gefährdung des Dorfs Bento Rodrigues hin. Die vom Bundesstaat Minas Gerais geförderten Sicherheitsprüfberichte hätten im Fall Samarco nicht unabhängige Expertinnen, sondern Mitarbeiter des Unternehmens selbst erstellt. Fast zugleich mit dem Dammbruch votierte eine Kommisssion des Senats, der höheren Kammer im Nationalkongress, in dem sich die Bergbaulobby stets auf politische Unterstützung verlassen kann, für "mehr Flexibilität" bei den behördlichen Überprüfungen der Minenbetreiber.

Der Fluch der Aluminiumproduktion

Alles also eine Frage unterentwickelter Staatlichkeit, versagender Institutionen, einer "nichtwestlicher" politischen Kultur? Nun ja. Die andere Seite der Chronik eines angekündigten "Unglücks" ist, dass die Belastung der geborstenen Talsperren erst kurz vorher massiv erhöht worden war. Trotz (oder wegen)des Verfalls der Weltmarktpreise hatten die beiden Großkonzerne die Förderungen der Samarco-Mine gegenüber dem Vorjahr fast um 40 Prozent auf 30,5 Millionen Tonnen gesteigert- eine Marktflutungsstrategie, die in Mariana zu einer starken Zunahme des Minenabraums führte und zur Überflutung des Umlands.

    Während die Geschehnisse am Rio Doce also eine Katastrophe für die Natur (und die in und von ihr lebenden Menschen) ist, war sie doch keine Naturkatastrophe. Ihre Hintergründe sind alles andere als "natürlich". Das, was in Mariana stattgefunden hat und dort alltäglich stattfindet, ist keine Frage der lokalen Verhältnisse, sondern verweist zurück auf das Zentrum des Geschehens, oder, genauer: die auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in jenen Regionen, die sich für den Nabel der Welt halten und ihre Machtposition im wirtschaftlichen und politischen Weltsystem nutzen, um die Spielregeln vorzugeben, an die andere sich halten müssen und dessen Folgen andernorts spürbar werden.

    Zu diesen Spielregeln gehört auch und vielleicht sogar vor allen Dingen, dass nach "Vorfällen" wie in Mariana schnellstmöglich zur Tagesordnung übergegangen wird. Nicht nur vor Ort, wo der Widerstand gegen die Erzbauindustrie aus naheliegenden Gründen schwer zu organisieren ist: Die Menschen in Minas Gerais sind von ihr abhängig, ob sie wollen oder nicht. Vier von fünf Haushalten in Mariana hängen von ihrer Existenz an der Mine. Sollte sie geschlossen werden, könne man auch gleich den ganzen Ort dichtmachen, so der Bürgermeister Duarte Junior. Nach der Katastrophe gingen in Mariana immer wieder Menschen auf die Straße, um zu protestieren- freilich nicht gegen den Minenbetreiber, sondern dafür, dass die Mine möglichst bald wieder in Betrieb gehen möge. Parallel fanden sich selbstverständlich gleich Experten, die Entwarnung gaben beziehungsweise vor unangebrachter Umwelthysterie warnten.

    Paolo Rosman, Professor für Küsteningenieurwissenschaften an der Universität von Rio de Janeiro und Autor einer im Auftrag des brasilianischen Umweltministeriums hastig erstellten Folgenabschätzung, erklärte des Rio Doce zwar für "momentan tot", taxierte die "Widerherstellungsfrist" der Natur am Ort des Dammbruchs allerdings auf nur ein Jahr und erklärte die Auswirkungen im Mündungsgebiet des Flusses für "vernachlässigbar". Die Situation dort werde sich innerhalb weniger Monate bereinigen, die zu erwartenden heftigen Regenfälle würden den Rio Doce gewissermaßen "waschen" - "ein ganz natürlicher Prozess".

    Solcherart Reinwaschen der unansehnlichen Situation ist ganz nach dem Geschmack nicht nur nach den vor Ort operierenden multinationalen Bergbaukonzerne, sondern auch des Publikums in den hochindustrialisierten Gesellschaften Europas und Nordamerikas. Die Menschen in diesen Ländern hängen nämlich ganz dick mit drin im Verursachungszusammenhang der brasilianischen Katastrophe. Sie - und also "wir" - sind Teil der Misere, nicht nur der brasilianischen oder lateinamerikanischen. Wir stehen hinter dem global im großen Stil betriebenen Ressourcenabbau und den damit in den Förderländern einhergehenden Umweltbelastungen, Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnissen.

    Nehmen wir das Aluminiumerz Bauxit, das in vielen Ländern des Tropengürtels lagert. Brasilien ist (Stand 2008) nach Australien und China sowie vor Guinea der drittgrößte Bauxitproduzent der Welt. In allen Ländern mit nennenswerten Lagerstätten ist der Abbau im vergangenen Jahrzehnt stark angestiegen: Das Bergbauunternehmen Rio Tinto etwa steigerte die weltweite Förderung zwischen 2006 und 2014  von 16 Millionen auf 234 Millionen Tonnen (und die Eisenerzförderung parallel von 133 Millionen auf 234 Millionen Tonnen).

    Bauxitgestein wurde schon im 19. Jahrhundert in Europa entdeckt und abgebaut, die Vorkommen in den südlichen Weltregionen sind jedoch ungleich größer und  produktionstechnisch wertvoller. Praktisch der gesamte Bauxitabbau dient der Herstellung von Aluminium- das wiederum in zahlreichen Gütern des alltäglichen und außeralltäglichen Bedarfs rohstoffnutzender Länder verarbeitet wird. Zum Beispiel in fein säuberlich portionierten Kaffekapseln.

    Zur Produktion für Aluminium bedarf es eines extrem hohen Energieeinsatzes: Um 1 Kilogramm aus dem Rohstoff zu gewinnen, werden 14 Kilowattstunden Strom benötigt, wobei etwa 8 Kilogramm Kohlendioxid freigesetzt werden. Allein in Deutschland wurden 2014 rund 2 Milliarden der vor wenigen Jahren noch gänzlich unbekannten Kaffeekapseln geleert, Tendenz steigend. Wobei hier bislang nur die Spitze des Eisbergs des europäisch- nordamerikanischen Kaffeekapselhypes in den Blick genommen wurde: Es war ja nicht mal die Rede von den Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten des brasilianischen Erzbergbaues; noch nicht davon, dass der Giftmüll nicht nur bei der Produktion im Tropengürtel dieser Welt anfällt, sondern im Zweifel auch per Müllexport aus den wohlhabenden Weltregionen wieder dorthin zurückkehrt; oder von den sozialen, ökonomischen und ökologischen Umständen des Kaffeeanbaus, seiner Ernte und seines Transports in die kaffeekonsumierenden Zentren der Welt.

    Die Wertschöpfungskette Kaffee wiederum , die Produktions- und Konsumwelt der kleinen Kaffeekapseln, ist ja nur die Spitze eines weiteren, noch viel größeren Eisbergs, eines gigantischen globalen Prozesses der permanenten Umverteilung von Gewinnen und Verlusten - ganz gleich, ob man nun die Baumwollproduktion oder den Sojaanbau, den SUV-Boom oder die Smartphone-Manie nimmt.

Auszug aus: Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. (2016).         

 

 

 

24.9.19 14:44

Letzte Einträge: Rettet den Süntel- (WALD), Iss, was um die Ecke wächst!, Es geht! Landwirtschaft ohne Pestizide und Düngemittel!, Die letzten Farmer von Wisconsin, Auf hormonverändernde Chemikalien verzichten

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen