Die letzten Farmer von Wisconsin

Die letzten Farmer von Wisconsin                               von Heike Buchter Zeit: Nov.2019

Lange prägen bäuerliche Familienbetriebe das Bild des ländlichen Amerika. Jetzt stehen die kleinen Bauern in den USA vor dem Ende.

Während der Auktionator die Herde aus 55 Holsteinkühen anpriest - Die Milchleistung! Die Qualität! Bio!- und eine von ihnen aufgeregt in dem vergitterten Pferch hin und her rennt, hockt der Bauer, dem die Tiere bis zum finalen Hammerschlag noch gehören, zusammengesunken und mit versteinerter Miene auf einer Holzbank unter den Zuschauern.

    Es ist schwierig, den Mann anzusprechen, weil die Veranstalter keine Journalistin als Besucher dabei haben wollten, sodass sich die Auktion nur heimlich beobachten lässt. Auf einer weißen Tafel sind aber mit Filzstift ein paar Daten notiert, die erahnen lassen, dass für diesen Mann mehr zusammenbricht als nure ein Geschäft: "Auflösung der Herde", "150 Jahre Familien-Farm", "Kühe täglich draußen".

    In einem Telefonat ein paar Tage später sagt der Bauer, der Tom Hasz heißt und 59 Jahre alt ist, dass der Verkauf ein schwieriger Entschluss gewesen sei. Doch als sich eine Missernte und damit ein Mangel an eigenem Futtermittel für seine Tiere abzeichnete, hielt er den Verkauf seiner prämierten Herde für den besten Ausweg. Über 150 Jahre lang waren die Hasz hier in Wisconsin Milchbauern. Jetzt ist der Stall leer.

    Mittwoch ist Auktionstag bei Premier Livestock nahe Wausau, einer Kleinstadt, die mit 40.000 Einwohnern die größte Ansiedlung hier in der hügeligen Mitte des Bundesstaats Wisconsin ist. An diesem Vormittag wird bei Premier noch eine weitere Herde versteigert. Dass ganze Betriebe zum Ausverkauf stehen, ist dort inzwischen Routine.

    Eigentlich werden Wisconsins Einwohner wegen der vielen Milchbauern und Molkereien in dem Bundesstaat im Volksmund gern cheesheads, Käseköpfe, genannt. Doch nun kämpfen sie dort um die Existenz, im Durchschnitt geben täglich zwei Milchbauern auf. Über die vergangenen zwölf Monate waren es 800 Farmen, die ihre Kühe mehr oder weniger freiwillig verkauften oder die eine Zwangsvollstreckung über sich gehen lassen mussten. Von den 15.000 Kuhherden in Wisconsins, die es vor 15 Jahren gab, ist noch die Hälfte übrig.

In ganz Amerika geht es den Landwirten schlecht. Der Niedergang gründet zum einen in einem tiefgreifenden Umbau der Landwirtschaft, der schon vor Jahren eingesetzt hat und mit großen Agrarfabriken  zu tun hat. Und er hat mit der Politik eines Präsidenten zu tun, den viele Bauern gewählt haben - und dem sie dennoch nicht gram zu sein scheinen.

    Auch Randy Wokatsch hält am Präsidenten fest. An der Wand in seinem Stall findet sich ein Zettel, auf dem steht: "Nicht Russland hat mich für Trump stimmen lassen, Hillary war´s". Dabei hat auch Wokatsch seine Herde vor Kurzem bei Premier versteigern lassen müssen. Der Auktion selbst bleib er fern. Es wäre zu schmerzhaft gewesen, sagt er:" Ich kannte jedes einzelne Tier, die meisten wurden bei uns auf der Farm geboren."

    In Marathon Country, dem Bezirk, in dem Wokatschs Farm liegt, erhielt Trumps Demokratische Gegnerin Hillary Clinton 2016 nur 38 Prozent der Stimmen. Satte 75 Prozent der Landwirte im Mittleren Westen, den sie hier voller Stolz und Symbolik das Heartland, das Herz des Landes, nennen, stimmten 2016 für den New Yorker Immoblilientycoon Donald Trump als Präsidenten.

    Die Landwirte in dieser Region gehören zu Trumps treuesten Wählern, weil der ihnen eine Lockerung der Umweltauflagen, die Förderung von Biosprit und die Abschaffung der Erbschaftssteuer versprach. Vor allem aber erhofften viele sich von Trump, der sich als knallharter Verhandlungsprofi präsentierte, ein Steigen der niedrigen Preise und mehr Absatzmärkte für ihre Produkte.

    Bislang haben sich diese Hoffnungen nicht erfüllt. Vielmehr treffen die Handelskriege, die Trump mit China und anderen Nationen angezettelt hat, Amerikas Bauern härter und direkter als Industriebetriebe oder Verbraucher: In den ersten acht Monaten dieses Jahres haben ihnen chinesische Importeure nur Agrarprodukte im Wert von acht Milliarden Dollar abgenommen. Das ist nicht einmal die Hälfte der rund 20 Milliarden Dollar an Waren, die sie im Jahre 2017 kauften. Auch die Ausfuhr von Milch und Milchprodukten nach China hat sich halbiert, nachdem die chinesische Regierung im vergangenen Sommer als Reaktion auf US-Strafzöllen selbst 25 Prozent Strafzölle auf US-Agrarimporte eingeführt hatte. US-Sojaexporte, die den größten Teil der Agrarexporte ausmachen, sind um 75 Prozent eingebrochen. China kauf nun Soja aus Brasilien.

Dennoch erklärten im September bei einer Umfrage des Farm Journal 76 Prozent der befragten Bauern, sie seien zufrieden mit Trump. Und beim monatlichen Agrar-Stimmungsbarometer der Purdue University in Indiana zeigten sich mehr als zwei Drittel zuversichtlich, dass Trumps Verhandlungen langfristig erfolgreich sein werden.

    Wokatsch war stolz, Milchbauer in der dritten Generation zu sein. Seine Herde gehörte zu den besten. Zwei Wochen vor dem Verkauf hat er ihre Milchleistungsdaten noch einmal zum lokalen Vergleichstest eingeschickt. "Wir waren die Nummer drei im ganzen Bezirk", sagte er. Zudem hat er lange alles versucht, das Aus zu verhindern. Er baute Ginseng für asiatische Käufer an, züchtete Saatgut, verwandelte ein Stück seines Grund und Bodens in eine Sandgrube, verpachtete seinen Wald an Jäger und seine Scheune als Garage an Campingbus-Besitzer. Doch nach vier Jahren anhaltend niedriger Milchpreise gab er schließlich auf. An einem Abend im September molk er seine Holsteinkühe noch einmal , mistete ihre Ställe aus. Dann kamen Viehtransporter von Premier und luden sie ein.

    In der gesamten USA ist die Zahl der Höfe, die in den zwölf Monaten bis September Konkurs anmelden mussten, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast ein Drittel gestiegen. Schlechtes Wetter hat die Lage verschärft. In der Gegend um den Auktionsort Wausau stehen allerorten noch große Pfützen und Wasserlachen auf den Feldern. Rekordregenfälle verzögerten im ganzen Mittleren Westen, dem landwirtschaftlichen Kernland der USA, die Aussaat um Wochen. Nun bedroht Frost und Schnee die verspätete Ernte. Klimaforscher wie Richard Rood, Professor an der University of Michigan in Ann Arbor, schreiben die zunehmende Häufigkeit von extremen Wetterereignissen dem Klimawandel zu.

    Dabei verschärfen Wetter, Strafzölle und die damit schwindenden Absatzmärkte eine für kleine amerikanische Betriebe ohnehin schwierige Entwicklung, die lange vor Trumps Präsidentschaft begann. Die Schulden, die auf den Höfen lasten, liegen nach Berechnungen des US-Landwirtschaftsministeriums bei mehr als 400 Milliarden Dollar. Allein seit dem vergangenen Jahr haben die Bauern neue Kredite über 24 Milliarden Dollar aufgenommen.

    Anders als in guten Zeiten investieren die meisten das geliehene Geld jedoch nicht in neue Maschinen, Vieh oder Felder. Vielmehr begleichen sie laufende Kosten, etwa für Futter und Dünger. Viele Farmer lösen mit den neuen Schulden auch bisherige Kredite ab, um längere Zeit zum Abstottern zu bekommen.

    Die Misere treibt viele Bauern in die Verzweiflung. Das zeigt die Organisation Farm Aid, die Bauern unterstützt. Gab sie vor der Krise vor allem Tipps für besseres Marketing, geht es heute um Existenzängste. "Alle unsere Mitarbeiter mussten ein Suizidpräventionstraining absolvieren", sagt Jennifer Fahy, die Sprecherin der Organisation. Wisconsins Volksvertreter im Landesparlament, die sonst in kaum einem Punkt einer Meinung sind, genehmigten Anfang September gemeinsam 100.000 Dollar für Maßnahmen, die depressiven Farmern helfen sollen.

    Doch die Farmer geben die Schuld nicht geopolitischen Erschütterungen, deren Urheber ausgerechnet sie selbst mit ins Amt gehoben haben.

    " Es sind die Mega-Milchfarmen, die uns Familienbetriebe verdrängen", sagt Wokatsch. Gemeint sind Farmen, bei denen statt ein paar Dutzend oder ein paar Hundert Kühen gleich Tausende in Ställen stehen, neben denen die von Wokatsch und seinen Nachbarn wie Gartenlauben wirken.

    Eine solche Milchfabrik ist etwa Fair Oaks Farm in Indiana, wo 35.000 Kühen genug Milch produzieren, um die 150 Kilometer Metropole Chicago zu versorgen. Die Melkanlage der Mega Farm, die bis auf kurze Pausen für die Säuberung rund um die Uhr laufen, können 500 Kühe pro Stunde abfertigen. Die Fläche der Farm ist größer als die Insel Sylt. Touristen schaukeln in einer "Dairy Adventure"- Tour, eine Art Disney-Landwirtschaftstour, im Bus durchs Gelände.

    Die Megafarmen sind Ausdruck einer Marktkonzentration in den USA. Gab es noch 1970 noch 650.000 Milchfarmen, sind es heute nicht einmal mehr 40.000. Gleichzeitig stehen die etwa 2000 Farmen, die jeweils mehr als 1000 Kühe halten, für rund die Hälfte der gesamten Milchproduktion. Tier und Umweltschützer kritisieren die Intensivhaltung, doch die bringt entscheidende ökonomische Vorteile. Vom Futtereinkauf bis zu den Dienstleistungen des Veterinärs - Megafarmen erhalten bessere Bedingungen und können so viel billiger produzieren.

    Der Farmer Hans Breitenmoser glaubt, dass die Riesenbetriebe alles verändert haben. Viele Megafarmen seien Unternehmen mit Investoren, für die die Kühe nur ein Investment unter anderen seien. Verluste seien für sie nicht nur leichter zu verkraften, sondern wirken sich sogar steuerlich günstig aus, weil man sie gegen Gewinne aus anderen Investments gegenrechnen kann. " Gegen Konkurrenten, für die Verluste nicht existenzbedrohend sind, kommen wir Familienbetriebe kaum an", sagt Breitenmoser.

    Wie viel Geld genau in Milchfarmen fließt, lässt sich schwer ermitteln. Sicher ist: Die Wall Street zeigt zunehmend Interesse an Anlagen im Agrargeschäft. Aurora Organic Dairy etwa, die fünf Biomilich Betriebe in Colorado und Texas betreibt, gehören inzwischen mehrheitlich Charlesbank Capital Partners, einem Private -Equity- Unternehmen aus Boston, zu dessen Investmentportfolio unter anderem auch Erdgaspipelines und Kliniken gehören.

    Die gleiche Entwicklung wie bei den Farmen spielt sich auch bei den kommerziellen Milchabnehmern ab: den Molkereien. Die Zahl der Betriebe nimmt ab, die verbleibenden werden größer. Damit wird es  für sie unwirtschaftlich, ständig viele, kleine Höfe abzuklappern. Viele Bauern in Wisconsins fürchten deshalb, dass der Tanklaster eines Tages gar nicht mehr bei ihnen vorbeikommt. Die Kooperative Dairy Farmers of America, eine der größten Molkereien im Land, kündigte 2017 auf einen Schlag 225 Milchbauern. Und auch Farmer Breitenmoser spürt die Folgen der Konzentrationswelle. Lange zahlte er nur 150 Dollar im Monat für den Abtransport seiner Milch- der Preis wurde von der Molkerei stark subventioniert. Vor Kurzem teilte ihm das Unternehmen mit, er müsse nun bis zu 8000 Dollar im Monat zahlen, damit der Milchfahrer jeden Abend überhaupt vorbei kommt.

   Ein Naturgesetz war die Konzentration der Marktentwicklung nicht. Sie war und wird von der Regierung in Washington gewünscht. Im Oktober riet Trumps Landwirtschaftsminister Sonny Perdue den wütenden Bauern von Wisconsins, sie sollten "wachsen oder weichen ". Gehört haben die Landwirte den Ruf zur Expansion schon oft. Er war das Mantra von Earl Butz, in den 70er Jahren Landwirtschaftsminister unter Präsident Nixon. Von Kritikern später als "Schutzpatron der Fast Foot-Nation" geschmäht, betrieb Butz nach Kräften die Industriealisierung  und Globalisierung der US Landwirtschaft. Davon profitieren vor allem die großen Lebensmittelhersteller, denn diese Entwicklung ließ die Preise für ihr Rohmaterialien sinken.

    Als Ausgleich versprach Butz den Farmern Zugang zu Exportmärkten. 1972 etwa fädelte er Weizenlieferungen an die Sowjetunion ein. Um an dem so ausgelösten Boom teilzuhaben, verschuldeten sich Amerikas Farmer, um mehr Land und neue Maschinen kaufen zu können. Dann marschierten die Sowjets in Afghanistan ein, und die US- Regierung verhängte ein Embargo. Die Preise brachen ein, die Zinsen zogen an. Schätzungen zufolge konnten bis zu 300.000 Farmer in den Achtzigerjahren ihre Kredite nicht mehr bedienen. Viele gaben auf.

    Doch Butz` Nachfolger hielten unbeirrt an der Globalisierungspolitik fest. 1994, nach der Gründung der nordamerikanischen Freihandelszone, wurde Mexiko einer der wichtigsten Absatzmärkte- was dann aber andere traf: Kleinbauern in Mexiko konnten nicht mit den billigen US Importen mithalten. Die dadurch ausgelöste Landflucht war einer der Gründe für die Welle illegaler Einwanderer, die aus Mexiko in die USA drängten.

    Die Folgen der immer stärkeren Zentralisierung reichen auch innerhalb der USA längst über die Landwirtschaft hinaus. " Mit dem Verschwinden der Höfe sterben auch die Orte", sagt Sarah Lloyd, eine Milchbäuerin und Aktivistin aus Wisconsins. Sie versucht die Farmer für politische Aktionen zu gewinnen.

    Denn schon jetzt franst die Infrastruktur in den ländlichen Gegenden immer mehr aus. Viele Bewohner müssen 20 Kilometer zum nächstgelegenen Supermarkt fahren. Krankenhäuser schließen. Um die kleineren landwirtschaftlichen Betriebe zu retten, fordert Lloyd ein nationales System, das die Produktion jeder Farm auf dem aktuellen Niveau einfrieren würde. Wer mehr liefern wollte, müsste eine Abgabe auf die zusätzliche Menge zahlen. Doch es ist nicht einfach, die Landwirte zu überzeugen."Viele lehnen das als sozialistisch ab", sagt die Aktivistin.

    Auch Randy Wokatsch war lange dagegen. Doch sein Glaube an einen freien und fairen Markt ist erschüttert. Sollte das von Lloyd angestrebte System tatsächlich kommen, sagt er, könne er sich vorstellen, noch einmal eine Herde aufzubauen. Vielleicht stehen in dem Stall, den sein Großvater 1901 gebaut hat, dann wieder Milchkühe.  

   

         

 

 

21.11.19 12:37

Letzte Einträge: Komerzielle Forstwirtschaft am Rammelsberg, Feb. 2020, Goslarer "Waldwirtschaft" Leserbrief Goslarer Zeitung Feb. 2020, Forderungen (Antrag an NABU und BUND 2020), Totes Holz, Brennende Gier

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